Collage Solferino: Beinhaus und Blick auf Stadt
Jörg F. Müller/DRK

Solferino: „Die Universalidee des Roten Kreuzes“

In der Schlacht von Solferino kämpfen am 24. Juni 1859 gut hunderttausend Italiener und Franzosen gegen ebenso viele Österreicher. Sie gerät zu einem der blutigsten Gemetzel des 19. Jahrhunderts. Doch sie geht auch als Geburtsstunde der Idee des Roten Kreuzes in die Geschichte ein.

Die fast dreißig Kilometer lange Front reicht vom Gardasee bis Castel Goffredo. Das Donnern der Geschütze ist bis Brescia zu hören. Die heftigsten Kämpfe toben rund um den Burghügel von Solferino. „Das Schlachtfeld ist allerorten bedeckt mit Leichen von Menschen und Pferden“, berichtet Henry Dunant, ein junger Geschäftsmann aus Genf, der der französischen Armee in der vergeblichen Hoffnung auf eine Audienz bei Napoleon III. hinterhergereist ist. Stattdessen gerät er in das Chaos unmittelbar nach der Schlacht: „In den Straßen, Gräben und Wiesen liegen überall Tote. Die Dörfer sind gezeichnet von den Verwüstungen.“ Tausende von Verletzten liegen hilflos auf dem Schlachtfeld, und das an einem der heißesten Tage des Jahres. Ärzte und Sanitäter aber sind kaum verfügbar.

Gemeinsam mit den Bewohnern von Castiglione versucht Dunant, die Verwundeten notdürftig zu versorgen. Insgesamt bleibt er drei Wochen als freiwilliger Helfer im Kriegsgebiet. Was er dabei erlebt, lässt ihn nie wieder los. Zurück in Genf, bringt er 1862 seine Erinnerung an Solferino zu Papier. Sie bewegt die Gemüter in ganz Europa. Ein politischer Prozess kommt in Gang, und im Jahr darauf gründen Delegierte aus sechzehn Staaten die internationale Bewegung des Roten Kreuzes. Wenig später begründet die erste Genfer Konvention das humanitäre Völkerrecht.

In Solferino versammelt heute ein kleines Museum die Hinterlassenschaft der Schlacht, vom Reiterstiefel bis zur Pistole und vom Gebetbuch bis zur Feldhaubitze. Daneben erinnert ein Denkmal an Henry Dunant. Die Kapelle auf dem dahinterliegenden Hügel dient als das Beinhaus (Ossario) von Solferino und birgt die Überreste tausender von Gefallenen. Auf dem gegenüberliegenden Hügel führt eine Zypressenallee zu einem Denkmal, welches das Rote Kreuz anlässlich des hundertsten Jahrestages der Schlacht errichtet hat. Aus Steinplatten der jeweiligen nationalen Hilfsgesellschaften zusammengesetzt, veranschaulicht es die weltweite Ausbreitung einer Bewegung, die hier ihren Anfang nahm. Die Inschrift lautet übersetzt: „Der tragische Anblick des Schlachtfeldes und das beispielhafte Zusammengehörigkeitsgefühl von Seiten der Bevölkerung gegenüber dem menschlichen Leid ließen in Henry Dunant die Universalidee des Roten Kreuzes reifen.“

Heute pilgern jeden Sommer Rotkreuzhelferinnen und -helfer vieler Länder nach Solferino, um den Jahrestag der Schlacht zu begehen. Zum Höhepunkt gerät traditionell die Fiaccolata, der Fackelzug von Solferino nach Castiglione, quer über die einstige Front.

Parallel wird die Schlacht alljährlich rund um den Turm von San Martino della Battaglia in Szene gesetzt. Das weitläufige Gelände liegt einige Kilometer weiter nördlich und gehört bereits zur Kommune von Desenzano. Es fungiert als Gedenkstätte des Risorgimento, der italienischen Unabhängigkeits- und Einigungskriege. Auch hier erwarten ein eindrucksvolles Beinhaus sowie ein historisches Museum die Besucher.

Adresse und Öffnungszeiten

Museo Risorgimentale di Solferino
Via Ossario
I – Solferino (MN)

Tel: 0039 0376 854019
https://www.solferinoesanmartino.it/?lang=de

Geöffnet von Mitte März bis Mitte Oktober täglich außer Montag; im Winter nach Vereinbarung.

Torre e Museo di San Martino della Battaglia
Via Torre, 2
I – Desenzano del Garda (BS)

Tel: 0039 030 9910370
https://www.solferinoesanmartino.it/?lang=de

Ganzjährig geöffnet, Montag Ruhetag.

Tipps & Links

Anreise: Mit der Bahn bis Desenzano del Garda. Die nächstgelegenen Städte sind Brescia und Mantova, die nächsten Flughäfen Verona und Brescia-Montichiari. Mit dem Auto auf der A4 Venedig – Mailand die Ausfahrt Desenzano nehmen, dann die Via Mantova Richtung Castiglione bzw. Solferino.

Auch sehenswert: Nur wenige Kilometer weiter nördlich liegt das Südufer des Gardasees, wo sich alpine und mediterrane Landschaft betörend verbinden. Als Zentrum der Region fungiert Verona. Mit seiner pittoresken Altstadt, den vielen Kirchen und Palazzi sowie dem berühmten römischen Amphitheater lohnt es in jedem Fall einen Besuch.

Weitere Orte zu den Anfängen des Roten Kreuzes:Flensburg (Löwenapotheke), Hamburg (Börse und Rauhes Haus), Kronshagen bei Kiel, Langensalza, Stuttgart (Dunant-Denkmal).

Buchtipp: Stefan Schomann, Im Zeichen der Menschlichkeit. Geschichte und Gegenwart des Roten Kreuzes, München 2013.

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