Schauplätze der Rotkreuzgeschichte

Das sibirische Versprechen

Schloss Neusorge bei Chemnitz
Barockschloss Neusorge Hofseite

Das einstige Rittergut wurde um 1720 zu einem dreiflügeligen barocken Schloss mit weitläufiger Parkanlage ausgebaut.

Nach einem Brand begann General Carl Sigismund von Arnim mit der Wiederherstellung, die sich bis Ende der 1760er Jahre hinzog. Neben der Orangerie wurde das ebenfalls dreiflügelige Wirtschaftsgebäude mit der Schäferei fertiggestellt, der Rohbau des Schlosses blieb jedoch verschlossen und wurde nicht bewohnt. 1913 richtete der Fürsorgeverein der Stadt Leipzig es schließlich als Kinderheim ein, musste den Betrieb aber wegen der schwierigen finanziellen Lage in der Nachkriegszeit einstellen.

Während des Ersten Weltkriegs hatte sich die schwedische Diplomatentochter Elsa Brändström mit sechsundsiebzig weiteren schwedischen Rotkreuzmitarbeiterinnen und -mitarbeitern aufopferungsvoll für die sich in russischer Kriegsgefangenschaft befindenden Soldaten der Mittelmächte eingesetzt, was ihr den Beinamen „Engel von Sibirien“ eintrug. Sterbenden Kriegsgefangenen hatte sie versprochen, sich um ihre Kinder zu kümmern. Diese „heilige Last“ wollte sie mit der Gründung eines Kinderheims erfüllen.

Nach einer Werbetour in den USA hatte Brändström genügend Spenden für die Anmietung einer geeigneten Immobilie gesammelt. Sie entschied sich für das Schloss Neusorge, das sie am 17. Dezember 1923 vom Leipziger Fürsorgeverein für zehn Jahre pachtete. Als Leiterin des Heims setzte sie die Kinderkrankenschwester Anni Rothe ein, die sie schon als deutsche Austauschdelegierte in Russland schätzen gelernt hatte. Das Betreuungspersonal bestand überwiegend aus Diakonissen. Neben den Halb- oder Vollwaisen, die bis zu drei Monate im Schloss verbrachten, gab es rund hundertfünfzig „Stammkinder“, die länger in sogenannten Familien zusammenlebten und die Schule in Mittweida besuchten. Bis zur Schließung des Heims im Frühjahr 1931 wurden dort fast dreitausend Zöglinge betreut. Elsa Brändström war bestrebt, ihnen Lebensmut und Selbstdisziplin zu vermitteln.

Danach übernahm der Leipziger Fürsorgeverein für drei Jahre erneut das Schloss. In der Folge wurde es vom Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps, vom Arbeitsdienst der Wehrmacht, von der Roten Armee und schließlich zur Unterbringung von Vertriebenen genutzt. Bis 1993 diente es dann als Heim „Fritz Pawlowski“ für einhundertzwanzig „schwererziehbare Jungen“; die Wirtschaftsgebäude gehörten bis 1990 zur LPG „Friedrich Engels“. Das leerstehende Schloss wurde 2011 an eine Berliner Firma verkauft, jedoch nie genutzt und befindet sich weiter im Verfall. Vor dem Gebäude erinnert ein Denkmal an das Wirken Elsa Brändströms. Es zitiert ihren Ausspruch: „Lehret das Kind im Leben etwas zu wagen."

JM

Adresse & Öffnungszeiten

Schloss Neusorge
Zschöppichen 21 C
09648 Mittweida

Das Schloss liegt etwa zwanzig Kilometer nördlich von Chemnitz

Anreise über die B 169. Die Gebäude können nur von außen besichtigt werden.

Tipps & Links

Weitere Orte zum Thema: Zusätzlich zu Schloss Neusorge leitete Elsa Brändström von 1922 bis 1929 auch noch das Kurheim Bad Marienborn als „Arbeitssanatorium für heimkehrende Kriegsgefangene“. Seit der Zerstörung des Kurhauses 1945 besteht dort nur noch das Badehaus, das heute als Feriendomizil genutzt wird. Es liegt etwa hundert Kilometer nordöstlich von Mittweida in der Oberlausitz und ist über die A 4 erreichbar: Ferienhaus Bad Marienborn, Rosenthaler Str. 2, 01920 Räckelwitz.

Auch sehenswert: Heimatmuseum „Alte Pfarrhäuser“, Kirchberg 3, 09648 Mittweida

Buchtipps: Eduard Juhl, Elsa Brändström, Stuttgart 1962

Jost Meyen, Elsa Brändström und die Kriegsgefangenen, Norderstedt 2021

Per Allan Olsson, Kriegsgefangene und ihre Engel. Schwedische Helfer im Ersten Weltkrieg (Beiträge zur Rotkreuzgeschichte, Band 4), München 2021

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