Collage Arolsen Archives: Eingang und Kartonsregal
Johanna Groß / Arolsen Archives; Cornelis Gollhardt/Arolsen Archives

Bad Arolsen: „Ein Denkmal aus Papier“

Im Januar 1946 werden große Aktenbestände, die bisher provisorisch vor den Toren Frankfurts untergebracht waren, in das kleine nordhessische Barockstädtchen Arolsen gebracht, dessen Infrastruktur vom Krieg weitgehend verschont geblieben ist. Mit ihnen zieht auch eine beträchtliche Anzahl von Spezialisten um. Was hat es damit auf sich?

Bei Kriegsende befinden sich – die deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen aus Osteuropa und den deutschen Ostgebieten nicht mitgezählt – rund zehn Millionen sogenannte „Displaced Persons“ in Deutschland und Österreich, also vorrangig Zwangsarbeiter, Häftlinge aus Konzentrationslagern und Vertriebene. Um sie kümmert sich seit 1944 zunächst ein Suchbüro des Britischen Roten Kreuzes in London, das später seine Arbeit im Hauptquartier der alliierten Streitkräfte fortsetzt. Unter Leitung der UNRRA, der Hilfs- und Wiederaufbauorganisation der neu gegründeten Vereinten Nationen (die wenig später in der Internationalen Flüchtlingsorganisation IRO aufgeht), wird daraus der Internationale Suchdienst.

Diesem steht das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) zunächst beratend zur Seite. Als nach Auflösung der IRO der Fortbestand des Internationalen Suchdienstes in Frage steht, übernimmt das IKRK 1955 dessen Leitung und Verwaltung. Ein so sensibles Thema will man auch zehn Jahre nach dem Krieg noch nicht den Deutschen übertragen. Zeitweise sind beim ITS bis zu 1.400 Mitarbeiter beschäftigt. Im Laufe der Zeit werden fünfzig Millionen Karteikarten angelegt, die Hinweise auf 17,5 Millionen Personen in fast 26.000 Laufmetern Akten liefern. Sie enthalten rund 30 Millionen Dokumente aus Konzentrationslagern, Ghettos und Gestapo-Gefängnissen, zur Zwangsarbeit, zur Situation der überlebenden Displaced Persons sowie zur Emigration. Von der Gründung bis heute sind rund zwölf Millionen Auskünfte erteilt worden.

Ende 2012 sieht das IKRK seine Kernaufgabe als erfüllt an und zieht sich aus Bad Arolsen zurück. Erhalten bleibt aber eine Verbindungsstelle an seinem Genfer Hauptsitz. Heute ist der ITS aufgrund eines Abkommens von 2011 eine internationale Einrichtung, deren Arbeit durch einen Ausschuss aus elf Mitgliedsstaaten – darunter auch die Bundesrepublik Deutschland – beaufsichtigt wird. Die Unterlagen des ITS gehören zum Welt-Dokumentenerbe der UNESCO.

Adresse und Öffnungszeiten

Internationaler Suchdienst (ITS), seit 2019 auch Arolsen Archives
Große Allee 5-9 (Besucheradresse, Hauptgebäude)
Schloßstraße 10 (Dauerausstellung)
34454 Bad Arolsen

Tel.: 05691 6290
Website: www.its-arolsen.org

Öffnungszeiten Besucher/Lesesaal: Montag bis Donnerstag von 8.00 bis 17.00 Uhr und Freitag 8.00 bis 13.00 und 13.00 bis 15.30 Uhr nach Voranmeldung
Öffnungszeiten Dauerausstellung: Dienstag bis Samstag von 14.00 bis 17.00 Uhr; individuelle Termine für Gruppen können vereinbart werden

Tipps & Links

Ausstellung: Die Dauerausstellung „Ein Denkmal aus Papier“ informiert über die Entstehung und Nutzung der Arolsen Archives.

Weitere Suchdienststandorte: Flensburg, Hamburg, München und Stuttgart

Auch sehenswert: Das Residenzschloss aus dem 18. Jahrhundert direkt gegenüber – www.schloss-arolsen.de

Buchtipp: Bernd Joachim Zimmer, International Tracing Service Arolsen. Von der Vermisstensuche zur Haftbescheinigung. Die Organisationsgeschichte eines „ungewollten Kindes“ während der Besatzungszeit. Waldeckische Forschungen Bd. 18, Bad Arolsen 2011

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