
Wer nichts hört, steht in einer Notfallsituation vor einer zusätzlichen Herausforderung: sich verständlich zu machen und andere zu verstehen. Genau hier hilft die Gebärdensprachliche Notfallunterstützung (GNU) des Kreisverbands Erlangen-Höchstadt im Landesverband Bayerisches Rotes Kreuz.
„Was ist mit meinem Baby?“ Diese verzweifelte Frage möchte eine junge Mutter den Ärztinnen und Ärzten stellen. Doch sie kann nicht verstehen, was diese ihr sagen. Denn die Frau ist gehörlos.
Nach einem schweren Sturz wird das wenige Wochen alte Baby zunächst in einem Krankenhaus untersucht. Anschließend werden Mutter und Kind in eine Kinderklinik und schließlich in eine Spezialklinik verlegt, wo das Kind operiert werden soll. Stundenlang kann die Mutter ihre Sorgen und Fragen nicht mitteilen – und ebenso wenig verstehen, was Ärztinnen und Pflegekräfte ihr erklären.

Zum Glück erinnert sich eine Mitarbeiterin des Krankenhauses an einen Bekannten, Kai Bartholomeyczik. Sie weiß, dass der Polizist die Gebärdensprache beherrscht, und bittet ihn um Hilfe. Als er eintrifft, ändert sich die Situation schlagartig. Er dolmetscht zwischen der Mutter und dem Klinikpersonal.
„Man hat richtig gespürt, wie auf beiden Seiten eine Last von den Schultern gefallen ist“, erinnert sich Kai Bartholomeyczik. Noch am selben Abend kann er der Mutter per Videotelefonie die erlösende Nachricht übermitteln: Die Operation ihres Kindes ist gut verlaufen.
Bereits seit vielen Jahren engagiert sich Kai Bartholomeyczik für gehörlose Menschen. Und das Erlebnis im Krankenhaus lässt ihn nicht mehr los. Ihm wird klar, wie hilflos gehörlose Menschen in Notfällen oft sind und wie dringend Polizei, Rettungsdienste und Krankenhäuser Unterstützung bei der Verständigung benötigen.
Im April 2020 gründet er deshalb die Gebärdensprachliche Notfallunterstützung (GNU) beim Kreisverband Erlangen-Höchstadt. Heute stehen zehn ehrenamtliche Helferinnen und Helfer rund um die Uhr bereit. Sie werden zu Unfällen, Bränden, Evakuierungen oder medizinischen Notfällen gerufen – notfalls auch mitten in der Nacht oder per Videotelefonie zugeschaltet.
Aus einer Idee ist so ein bundesweit bislang einzigartiges Projekt entstanden, das bereits mehrfach ausgezeichnet wurde – unter anderem mit dem DRK-Innovationspreis 2025.
Die Ehrenamtlichen der Gebärdensprachlichen Notfallunterstützung dolmetschen übrigens nicht nur zwischen gehörlosen Menschen und Einsatzkräften sowie medizinischen Fachkräften. Oft geben sie Betroffenen auch Halt in den schwersten Momenten ihres Lebens. Nachdem der Vater eines gehörlosen Mannes plötzlich im Krankenhaus verstorben war, wurde die GNU hinzugerufen. Die Ehrenamtlichen halfen dem Sohn, die Situation zu verstehen, begleiteten ihn in den ersten Stunden seiner Trauer und gaben ihm Halt.
Viele Einsätze bleiben Kai Bartholomeyczik bis heute in Erinnerung. Einer von ihnen sollte ihn Jahre später noch einmal ganz besonders berühren. Sechs Jahre nach dem Einsatz mit der jungen Mutter erzählt er die Geschichte bei einem Vortrag. Nach der Veranstaltung spricht ihn eine Besucherin an. Sie kennt die Familie.
Der kleine Junge, um den damals alle bangten, ist heute gesund und gerade eingeschult worden. Für Kai Bartholomeyczik ist das eine Bestätigung dafür, warum sich sein ehrenamtliches Engagement lohnt.
Damit die Gebärdensprachliche Notfallunterstützung auch künftig solche Geschichten schreiben kann, braucht sie – und viele weitere Projekte – Unterstützung: Spenden helfen, die Fortbildungen, Dienstkleidung und Fahrtkosten der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer zu finanzieren. Damit sie auch künftig schnell dort sind, wo ihre Hilfe gebraucht wird.
40 Euro unterstützen beispielsweise die Anschaffung von Dienstkleidung und Fortbildungen für Ehrenamtliche.