Vorausschauende humanitäre Hilfe

Humanitäre Hilfe ist der Grundpfeiler der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung. In 192 Nationalen Gesellschaften arbeiten 13,6 Millionen freiwillige Helferinnen und Helfer und leisten weltweit humanitäre Hilfe für Menschen in extremen Notsituationen, zum Beispiel nach einer Überschwemmung, einem tropischen Wirbelsturm oder während einer Dürre. Das DRK beschäftigt sich aber auch intensiv mit der Frage, wie vorausschauende humanitäre Hilfe geplant und umgesetzt werden kann, um Menschen bereits vor dem Eintritt einer drohenden Katastrophe besser schützen zu können.

Aus diesen Überlegungen einer vorausschauenden – also antizipierenden – humanitären Hilfe, hat das DRK den sog. Forecast-based Financing (FbF) Ansatz entwickelt, übersetzt Vorhersagebasierte Finanzierung. Dies bedeutet konkret, dass ein Zeitpunkt festgelegt wird, ab dem aufgrund einer Vorhersage vor einer drohenden Katastrophe gehandelt wird, um das Risiko für Leid und großen Schaden durch frühzeitige Maßnahmen besonders gezielt zu mindern. 

Dieser Ansatz der vorausschauenden humanitären Hilfe ermöglicht es, bereits im Vorfeld einer drohenden Notsituation effizienter zu handeln. Frühzeitige Vorsorgemaßnahmen können eingeleitet werden und finanzielle Mittel schneller zur Verfügung gestellt werden. 

Grundsätzliche Voraussetzung aller humanitären Hilfsmaßnahmen ist stets das Engagement und der Schutz von humanitären Helferinnen und Helfern, die weltweit im Einsatz für Menschen in Not ihr Leben riskieren.


Ein internationales Konzept

Seit 2014 arbeitet das DRK zusammen mit Partnern wie dem Rotkreuz-Rothalbmond-Klimazentrum und der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (Föderation) an diesem Ansatz, der vom Auswärtigen Amt als erster großer humanitärer Geber umfangreich unterstützt wird. Innerhalb der vergangenen Jahre hat sich FbF von einzelnen Pilotprojekten hin zu einem weithinakzeptierten internationalen Konzept im Rahmen der humanitären Hilfe entwickelt, welches nun in zahleichen Ländern realisiert wird. Ebenso sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Rahmenwerke für vorausschauende humanitäre Hilfe entstanden.

Im Auftrag des Auswärtigen Amtes koordiniert das DRK die Entwicklung der FbF-Methodik in Kooperation mit verschiedenen humanitären Partnern wie dem Welternährungsprogramm (WFP), dem Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen (UNOCHA), der Welthungerhilfe und der internationalen Gebergemeinschaft. Private Geldgeber – die Marga und Walter Boll-Stiftung, die Deutsche Bank Stiftung, die Knorr-Bremse AG, OSRAM und die Volkswagen AG – unterstützen den innovativen FbF-Ansatz ebenfalls.


Der Forecast-based Financing Ansatz: Humanitäre Hilfe weltweit

Antizipation statt Reaktion – mit Forecast-based Financing (FbF) gestalten das DRK und die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung die humanitäre Hilfe neu: mehr Effizienz und eine größere Wirkung im Katastrophenfall, dank der innovativen Nutzung von Klima- und Wetterdaten in einem weltweiten Netzwerk. 

Das Ziel: Katastrophen vorhersehen, frühzeitig handeln und so menschliches Leid verhindern. Basierend auf Vorhersagen und Risikoanalysen stellt FbF Gelder bereit, deren Verwendung vorab festgelegt wird. Damit die Hilfsmaßnahmen im Ernstfall schnell und effizient ausgeführt werden können, erfolgt die Finanzierung bei Erreichen eines bestimmten Schwellenwerts automatisch und anhand klarer Kriterien. 

Schwellenwerte/Trigger:

Wo und wann Hilfsmittel für die vorausschauende humanitäre Hilfe ausgeschüttet werden, entscheidet sich nach spezifischen Schwellenwerten, sog. Triggern, die für jede Region definiert werden. Dafür analysieren Sachverständige alle relevanten Naturgefahren, bewerten die Auswirkungen früherer Katastrophen und prüfen Daten zur Gefährdungslage. Insbesondere Daten zu Risikofaktoren wie z. B. Armut oder Stabilität der Häuser spielen dabei eine Rolle. 

Early Actions in der humanitären Hilfe

Sobald eine Vorhersage den bestimmten Schwellenwert erreicht, also den Trigger auslöst, werden frühzeitige Vorsorgemaßnamen im Rahmen der humanitären Hilfe, sog. Early Actions, eingeleitet. Diese vorher festgelegten Maßnahmen minimieren die Folgen drohender Extremereignisse und retten Menschenleben. So können sich besonders gefährdete Bevölkerungsteile selbst, ihre Familien und Lebensgrundlagen schützen. FbF ermöglicht es, noch im letzten Moment konkrete Schutzmaßnahmen zu ergreifen, auch dort, wo bisher keine langfristigen Vorsorgeprojekte stattgefunden haben. Die Maßnahmen werden so entwickelt, dass sie je nach Vorhersage dort umgesetzt werden, wo die schwersten Auswirkungen von Extremereignissen drohen. Zentral dafür ist das sogenannte Early Action Protocol (EAP), welches die Durchführung der vorausschauenden Hilfe klar festlegt. Hierin werden alle relevanten Parameter und Maßnahmen definiert.

Finanzierungsmechanismus:

Für eine effektive Hilfe im Ernstfall müssen finanzielle Mittel schnell zur Verfügung stehen. Deshalb wurde in Zusammenarbeit mit der Föderation der sog. Forecast-based Action (FbA) by the Disaster Relief Emergency Fund (DREF) eingerichtet – ein Finanzierungsmechanismus, der automatisch Mittel zuweist, um frühzeitige Maßnahmen im Bereich der humanitären Hilfe durchführen zu können, wenn ein Schwellenwert erreicht wird. FbA by the DREF steht allen Nationalen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften zur Verfügung, die erfolgreich ein Early Action Protocol (EAP) entwickelt haben.


Projekte zum Forecast-based Financing (FbF) Konzept

Projektbeispiel I

Durch die vorausschauende humanitäre Hilfe werden in den peruanischen Anden bei Vorhersage extremer Kälte Schutzkleidung für Alpaka-Farmer und Veterinärkits für deren Tiere ausgegeben. Junge oder trächtige Alpakas oder schon gesundheitlich angeschlagene Alpakas überstehen die Kälteperiode oft nicht. Familien, die von der Züchtung leben, verlieren oft mehr als die Hälfte ihrer Herde bei extremer Kälte. Die Veterinärkits und Plastikplanen für den Bau von Unterständen, die vor dem Wind schützen, erhöhen die Widerstandskräfte der Tiere.

Projektbeispiel II

In Bangladesch werden im Vorfeld von Überschwemmungen Geldleistungen durchgeführt und nach Möglichkeit Transportmöglichkeiten für Evakuierungen im Rahmen der vorausschauenden humanitären Hilfe angeboten. In Mosambik wurde zusammen mit Fachkräften für den Bau von Notunterkünften ein Set entwickelt, das Materialien und Anleitungen enthält, mit denen die Bevölkerung in der Lage ist, ihre Häuser bei einem herannahenden Sturm zu schützen, z. B. durch das zusätzliche Befestigen von Dächern.


Die Weiterentwicklung des FbF-Ansatzes und Schaffung des Anticipation Hub

FbF bleibt ein Ansatz, bei dem das Testen und Realisieren von innovativen Ideen erwünscht ist, erforscht und gefördert wird. Neben Neuerungen innerhalb von FbF – z.B. durch genauere Vorhersagen der Auswirkungen von Extremwetter sowie verstärkte Arbeit zum Schutz vor Dürren – wird das DRK in den kommenden Jahren vorausschauende humanitäre Ansätze und Antizipation auch über etablierte Ansätze hinaus weiterentwickeln. So prüft das DRK, inwieweit frühzeitige Maßnahmen auch im Rahmen von Konflikten oder drohender Vertreibung eine Rolle spielen können.

Einen Schwerpunkt der Arbeit des DRK zu Antizipation in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt ist der Aufbau und die Betreuung einer Kompetenzplattform für antizipatorische humanitäre Hilfe und Risikofinanzierung, des sogenannten „Anticipation Hub“. Diese Kompetenzplattform basiert auf einem bereits etablierten Netzwerk an humanitären Praktikern, Wissenschaftlern, Experten der Politikberatung und Gebern, das sich regelmäßig bei der sog. Globalen Dialogplattform für Antizipatorische Humanitäre Hilfe oder den Regionalen Plattformen in Asien, Afrika oder Lateinamerika trifft.

Mit dem „Anticipation Hub“ wird dieser Austausch auch außerhalb von Konferenzen und Workshops regemäßig ermöglicht. Hier wird Gelerntes und Best Practices für Nationale Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften und andere humanitäre Akteure noch einfacher zugänglich gemacht, die gemeinsame Arbeit an methodischen Fragen gefördert und Lern- und Beratungsangebote unter der Leitung des DRK ermöglicht.

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Geldleistungen im Rahmen der humanitären Hilfe

Geldleistungen – auch Cash-Transfers genannt – sind eine Form der Hilfe, die notleidenden Menschen Zugang zum Überlebensnotwendigsten sichert, wie etwa zu Nahrungsmitteln, Wasser oder anderen Gütern. Diese Form von humanitärer Hilfe ist nachweislich schnell, flexibel und effizient, stärkt die lokale Wirtschaft und räumt den Menschen so die notwendige Freiheit ein, selbst zu entscheiden, welche Form der Hilfe ihren Bedürfnissen gerecht wird. 

Geldleistungen werden zunehmend in der humanitären Hilfe eingesetzt und als Early Action ermöglichen sie es zum Beispiel Familien, schnell und vorsorglich Maßnahmen zu ergreifen, um unmittelbarer Bedrohung zu entgehen und nachhaltig ihre Lebensgrundlage zu erhalten.

Mehr Informationen zu Geldleistungen


  • Ansprechpartnerin

    Stefanie Lux
    Leitung Vorausschauende humanitäre Hilfe
    Team Internationale Zusammenarbeit
    E-Mail: s.lux(at)drk.de

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