FallbeispieL_Fluechtling_Farhad.jpg
Sie befinden sich hier:
  1. Hilfe in Deutschland
  2. Suchdienst

Farhad kommt über Trace the Face wieder in Kontakt mit seiner Familie

Der 26-jährige Afghane meldete sich im Februar 2015 beim DRK-Suchdienst in Berlin. Sein Bild wurde für das Rotkreuz-Internetportal „Trace the Face“ aufgenommen und am 12.2.2015 online gestellt. Im Februar 2015 ließ sich Farhad S., Flüchtling aus Afghanistan, vom DRK-Suchdienst in Berlin fotografieren. Sein Bild wurde auf das Rotkreuz-Webportal „Trace the Face“ gestellt mit der Aufschrift „I am looking for my family“ – Ich suche meine Familie. Etwa einen Monat später entdeckte der afghanische Englischlehrer seines Bruders das Foto im Internet und die Familie konnte nach fünf Jahren wieder miteinander Kontakt aufnehmen. 

Farhad S. hat dem Suchdienst seine Geschichte erzählt und erklärt, wie es zu der Trennung und langen Ungewissheit kam.
2009 verließ Farhad S. zusammen mit seiner Mutter, einer Schwester und zwei Brüdern Afghanistan. Zuvor war ein älterer Bruder, der als Dolmetscher für die US-Armee gearbeitet hatte, von gegnerischen Kräften geholt worden und ist seitdem nicht mehr gesehen worden. Sie hatten alle Angst, dass Ähnliches anderen Familienmitgliedern passieren könnte.
Die Familie fuhr mit einem Bus an die iranische Grenze. Dort wurden sie mit einem PKW abgeholt. „Wir saßen 13 Personen plus Fahrer in einem PKW“, sagt Farhad S. und erläutert: „Neben dem Fahrer sitzen drei: zwei auf dem Sitz und eine Person auf dem Boden. Auf der Rückbank sitzen vier und drei weitere auf dem Boden. Das sind zehn. Im Kofferraum liegen weitere drei.“ Farhad zieht die Knie hoch, bis unter das Kinn. „Es ist schwer, so zu sitzen. Eine Stunde, ja. Aber zwei, drei, vier oder fünf Stunden machen viele Schmerzen.“
Fahrad S. hatte die Taschen voll Geld. 3.000 Euro kostet die Fahrt nach Griechenland und es wird bar bezahlt, Strecke für Strecke. Flüchtlinge sind ein lukratives Geschäft für das nebulöse Logistik-Netzwerk, welches Menschen irgendwie über drei Landesgrenzen schafft: Afghanistan/Iran, Iran/Türkei, Türkei/Griechenland. Die Familie blieb längere Zeit sowohl im Iran als auch in der Türkei. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Flüchtlinge längere Aufenthalte entlang der Route machen, um Geld zu erarbeiten.  2010 kam die Familie endlich nach Griechenland und Farhad organisierte die Überfahrt nach Italien per Boot. „Meine Mutter und meine Geschwister stiegen ins Boot. Ich nicht. Ich behielt das Geld und wollte erst am nächsten Tag nachkommen.“
Es war stürmisch auf dem Ionischen Meer. Kurz vor der italienischen Küste wurde das Boot von der italienischen Küstenwache entdeckt. Es war voll Wasser gelaufen und die Passagiere wurden von der Küstenwache an Land und später zurück nach Griechenland gebracht.
Ab diesem Zeitpunkt hatte Farhad S. keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Das Handy der Mutter war nicht mehr zu erreichen. „Wahrscheinlich war es nass geworden, ich weiß es nicht.“ Er selber schaffte es aber mit einem anderen Boot nach Italien. Nachdem er keine Spur von der Familie fand, machte er sich weiter auf den Weg über Frankreich und Belgien nach Deutschland. 2011 kam er an, beantragte Asyl und hat seitdem eine „humanitäre Aufenthaltserlaubnis“, die er alle drei Jahre verlängern muss.

Er wusste nicht, was aus der Familie geworden ist. Anrufe in die Heimat, Recherchen über Facebook oder andere Internetquellen haben nichts gebracht. Seit einigen Jahren ist Farhad S. in Betreuung einer Organisation in Berlin, die psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte anbietet. Diese Organisation gab Farhad 2014 auch den Tipp, sich beim Roten Kreuz zu melden, um nach seiner Familie zu suchen.
In Februar 2015 – fast fünf Jahre nach der Trennung – stellte der DRK-Suchdienst Farhad S. Bild ins Internet mit dem Hinweis „I am looking for my Family“ (Ich suche meine Familie) als Bildtext.
Dann wartete er. Im März 2015 hat der Englisch-Lehrer seines Bruders in  Afghanistan sein Gesicht entdeckt und die Familie – die mittlerweile zurückgekehrt war – verständigt.
Kurz danach konnte die Familie wieder miteinander telefonieren. Wie war es? Farhad S. bleibt ruhig, als er erzählt, wie er mit seinem Bruder telefoniert hat. „Ich habe jeden Tag mit ihm gesprochen. Erster Tag, zweiter Tag, dritter Tag.“ Es gab viel zu erzählen und jetzt erfuhr er auch, was mit der Familie passiert war, nachdem sie in Italien den Kontakt miteinander verloren hatten.
Nach dem Erlebnis mit dem wassergefüllten Boot und der Zurückweisung nach Griechenland wollte die Mutter nicht ein zweites Mal die Flucht versuchen. Der kleinste Bruder war zudem erkrankt auf der Überfahrt und die Familie zog zurück nach Afghanistan. Der jüngste Bruder starb dort an einer Krankheit, die er, so denkt Farhad S., sich auf der Überfahrt zwischen Griechenland und Italien geholt hat. Fünf Jahre alleine mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus ist auch ein recht hartes Los für den jungen Farhad S. Er hofft darauf, dass die Familie wieder zusammenfindet. Er ist in Deutschland und sie sind noch in Afghanistan. Farhad gibt aber die Hoffnung nicht auf, dass sie irgendwann nachkommen könnten. Dann wäre die Flucht, die 2009 in einem extrem vollgepackten Auto an der Grenze zwischen Afghanistan und Iran begann, endlich zu Ende.

zum Anfang