Der Fall der Mauer

Zur Verblüffung der ganzen Welt werden die innerdeutsche Grenze und die Berliner Mauer im November 1989 in beide Richtungen frei passierbar. Auch für die Rotkreuzhelfer in Ost und West gerät dieser weltgeschichtliche Wendepunkt zur Ausnahmesituation.

Nach dem vorausgehenden Exodus von DDR-Bürgern über Ungarn oder die westdeutsche Botschaft in Prag öffnen sich am 9. November die ersten Schleusen in der Berliner Mauer. Menschenmassen fluten hin und her, und für ein paar kostbare Tage gerät die ganze bisherige Weltordnung aus den Fugen. Auch entlang der innerdeutschen Grenze werden nun täglich neue Übergänge geöffnet.

Deutschlandweit warten dort tausende ehrenamtlicher Rotkreuzhelfer mit Suppe und heißen Getränken auf, verteilen Straßenkarten, leisten Erste Hilfe und geben in vielfacher Hinsicht auch erste Orientierung für die unbekannte Welt des Westens.

Entlang der Transitrouten steigen die Einsätze für den Rettungsdienst sprunghaft an. Der Bahnhofsdienst in der DDR, der vom Roten Kreuz betrieben wird, meldet ebenfalls Hochbetrieb. Das ganze Land scheint unterwegs, alle wollen den Westen besichtigen, Verwandte besuchen und das Begrüßungsgeld abholen. Eine der größten Stationen befindet sich im Bahnhof Berlin-Lichtenberg. Für die Nacht zum 12. November 1989 verzeichnet das Dienstbuch dort 306-mal soziale und 71-mal medizinische Hilfe. 60 Mütter mit 82 Kindern werden betreut, dazu 26 Rollstuhlfahrer.

Der Suchdienst erfährt eine unerwartete Renaissance. Der Fall des Eisernen Vorhangs führt zu Massenverschiebungen, wie Mitteleuropa sie zuletzt bei Kriegsende erlebt hat. Entsprechend hoch ist die Zahl der Menschen, die ihre Angehörigen aus den Augen verloren haben. Parallel schnellt auch die Zahl der Aussiedler aus Osteuropa in die Höhe.

„Alles war in heller Aufregung“, erinnert sich Hans-Joachim Trümper an die ersten Tage nach Öffnung der Mauer. Der Leiter des Berliner Rotkreuzmuseums war damals ehrenamtlich im Kreisverband Neukölln tätig. Am Grenzübergang Rudow stellen sie ein Zelt mit Sanitätsdienst auf, kochen rund um die Uhr Tee und verteilen ganze Lkw-Ladungen mit Lebensmitteln, die örtliche Supermärkte dem Roten Kreuz gestiftet haben.

Tausende von DDR-Bürgern trauen sich in den ersten Tagen nicht mehr zurück; ihre Betreuung und Unterbringung wird zu einer Bewährungsprobe für das Rote Kreuz in West-Berlin. „Viele hatten ja Angst, dass die Grenze wieder geschlossen würde“, erklärt Trümper. In aller Eile werden Räume angemietet. „Gut, dass wir vorher geübt hatten, in kürzester Zeit Notunterkünfte einzurichten. Wir hatten alles vorrätig: Feldbetten, Kleidung, Lebensmittel.“

Schon in den ersten Tagen nimmt Trümper Kontakt mit den Rotkreuzkollegen drüben in Treptow auf. So wie in Berlin gehen Rotkreuzgliederungen von hüben und drüben nun Partnerschaften auf Orts-, Kreis- und Landesebene ein.

Auch die jeweiligen Präsidien arbeiten unter Hochdruck daran, „die in beiden deutschen Rotkreuz-Gesellschaften im Dienste der Menschen geleistete Arbeit gemeinsam fortzusetzen“. Wobei ihnen bis zur Wiedervereinigung weniger als ein Jahr Zeit bleibt. Professor Christoph Brückner, der im April 1990 zum neuen Präsidenten des DRK der DDR gewählt worden ist, erinnert sich später kopfschüttelnd an diese turbulente und euphorische Zeit: „Eigentlich war das gar nicht zu schaffen. Aber irgendwie gelang es doch.“

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