Zwei Frauen sitzen an einem Küchentisch und schauen Briefe an.
Der Suchdienst des Roten Kreuzes überbringt Nachrichten von Familienangehörigen. Foto: IKRK / Anna Bilous

Ukraine: Ein Geburtstag und eine Botschaft der Hoffnung

 - Ukraine

Im bewaffneten internationalen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine wurden Millionen Menschen vertrieben, Millionen weitere flohen über internationale Grenzen. Familien werden aber auch auseinandergerissen, wenn jemand in Kriegsgefangenschaft gerät. Olha ist Teil eines Teams des IKRK in Kyjiw, das Familien hilft, die durch den bewaffneten Konflikt getrennt wurden: Der Suchdienst versucht, das Schicksal vermisster Menschen zu klären, und wenn möglich den Kontakt wieder herzustellen.

Zwei Frauen sitzen an einem Küchentisch und schauen Briefe an.

Das IKRK übermittelt Nachrichten von Angehörigen

Wenn Olha jemanden anruft, um mitzuteilen, dass es eine Botschaft von einem Angehörigen gibt, der als Kriegsgefangener festgehalten wird, dann beginnt sie so:

„Guten Tag. Mein Name ist Olha. Ich bin Vertreterin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Ich rufe Sie an, um Ihnen mitzuteilen, dass Sie einen Gruß von Ihrem Angehörigen bekommen haben.“

Olha sagt: „Selbst, wenn Familien eine Nachricht erhalten, etwa die Bestätigung, dass ein Angehöriger als Kriegsgefangener festgehalten wird, bleibt die ständige Sorge um dessen Wohlergehen. Der Wunsch, von geliebten Menschen zu hören, erlischt nie. Deshalb sind die Momente, in denen wir eine tatsächliche Botschaft übermitteln können – nicht nur die Nachricht, dass jemand lebt – so kostbar. Die Konfliktparteien sind verpflichtet, uns Zugang zu Kriegsgefangenen zu gewähren. Wenn dies geschieht, besteht eine unserer Aufgaben bei solchen Besuchen darin, mündliche Botschaften der Gefangenen zu sammeln, um sie ihren Familien zu übermitteln.“

Das Video zum (englisch) des IKRK mit Iryna, der Mutter eines Kriegsgefangenen in der Ukraine. Quelle: IKRK/Anna Bilous

Iryna erhält einen Anruf zum Geburtstag ihres Sohnes

So kam es, dass Olha vom IKRK-Büro aus die besorgte Iryna am Geburtstag ihres Sohnes anrief. Die Mutter war durch die anhaltenden Kämpfe vertrieben worden und hatte ihren Sohn, einen Soldaten, seit drei Jahren nicht mehr gesehen, wusste aber bereits, dass er sich in Kriegsgefangenschaft befand.

Olha erinnert sich an viele Anrufe und Nachrichten an diesem Tag – aber Irynas sticht hervor. Sie erinnert sich, wie sie mit Iryna gemeinsam am Telefon weinte, und Iryna erzählt: „Ich saß da, betrachtete ein Foto meines Sohnes und sprach mit ihm. Und plötzlich klingelte das Telefon. Und Sie sagten mir, dass mein Sohn an seinem Geburtstag besucht worden sei und mir Grüße geschickt habe.“

„Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen“, sagte Iryna. „Ich habe gelacht, geweint, getanzt und die Fotos geküsst. Aber als sie sagten, dass sie meinem Sohn eine Botschaft von mir überbringen würden – da war ich überwältigt von meinen Gefühlen.“

„Im Nachhinein dachte ich: Warum habe ich das und das gesagt, warum nicht jenes? Ich sagte einfach nur: ‚Ich liebe dich, ich liebe dich, ich warte, ich warte, ich warte.‘ Das war alles, was ich in diesem Moment sagen konnte“, erzählt Iryna.

Der internationale Suchdienst des Roten Kreuzes

Die Suche nach vermissten Angehörigen und die Unterstützung von Familienzusammenführungen ist eine humanitäre Aufgabe des Roten Kreuzes. Dabei arbeitet der zentrale Suchdienst des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) eng mit denen der 191 nationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften in einem internationalen Suchdienst-Netzwerk zusammen. Suchanfragen werden in Deutschland – auch wenn im Augenblick keine aktive Suche in der Ukraine möglich ist – vom DRK-Suchdienst angenommen und zentral bearbeitet.

 

Zum DRK-Suchdienst

Banges Warten auf Nachricht von den Liebsten

Iryna ist die Mutter eines Soldaten in russischer Kriegsgfangenschaft.

Die Nachricht, die Olha an Iryna übermittelte, war nur eine von 19.500 persönlichen Botschaften, die das IKRK bis Juli dieses Jahres zwischen Kriegsgefangenen und ihren Familien vermitteln konnte.

Jeden Monat erhält die IKRK-Hotline in Kyjiw Tausende Anrufe. Es gibt viele andere Familien, die auf eine Nachricht von ihren Lieben warten oder auf die Gewissheit, dass sie am Leben und wohlauf sind.

Seit der Eskalation des bewaffneten Konflikts zwischen Russland und der Ukraine im Jahr 2022 konnte das IKRK in Kyjiw bis Juli 2025 14.400 Menschen helfen, Antworten auf ihre Fragen zum Schicksal oder Aufenthaltsort vermisster Angehöriger zu erhalten.

Diese Arbeit ist Teil einer komplexen internationalen Anstrengung von weltweit 50 Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften und 28 Delegationen des IKRK.

Weltweit hat das IKRK seit der Eskalation des Konflikts im Jahr 2022 rund 425.000 Anfragen per Telefon, E-Mail oder persönlich von Familien erhalten, die nach Antworten suchen. Viele fragen wiederholt an  – Ausdruck ihrer dringenden Hoffnung auf eine Nachricht. Für alle, die noch suchen, noch warten, geht diese wichtige Arbeit weiter.

Text und Fotos: Anna Bilous /Übersetzung: DRK-Team

Dieser Artikel erschien zuerst im Englischen auf der Webseite des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz: https://www.icrc.org/en/article/ukraine-birthday-message-hope