DRK-Präsidentin Hasselfeldt spricht bei der Verleihung der Florence-Nightingale-Medaille 2025 in Berlin an Haitam Daniel Al-Hasan
Auszeichnung des Leitenden OP-Pflegers Haitam Daniel Al-Hasan mit der Florence-Nightingale-Medaille des IKRK durch Präsidentin Gerda Hasselfeldt auf der DRK-Bundesversammlung 2025. Foto: Willing-Holtz / DRK

Einsatz im Gazastreifen: "Man gewöhnt sich an Dinge, an die man sich nie gewöhnen sollte."

 - Palästinensische Gebiete

Am 27. November 2025 erhielt Haitam Daniel Al-Hasan als zweiter Deutscher die Florence-Nightingale-Medaille, die höchste internationale Ehrung für Pflegefachpersonen. Haitam konnte die Auszeichnung nicht persönlich entgegennehmen, da er gerade im Rotkreuz- und Rothalbmond-Krankenhaus des IKRK in Rafah/Gazastreifen im Einsatz war. Seine Eindrücke von dort teilte er in einem Interview.


"Ohne Ausnahme sagen wir alle dasselbe", notiert Haitam Daniel Al-Hasan in seinem Tagebuch im Sommer 2025. "Dieser Einsatz übersteigt alles, was wir je erlebt haben." Er schreibt das nicht leichtfertig. Um ihn herum arbeiten Kolleginnen und Kollegen, die seit Jahrzehnten in Konflikt- und Krisengebieten im Einsatz sind. Dennoch herrscht Einigkeit: Der Gazastreifen ist ein Extremfall.

Seit Ende Mai grenzt das Feldkrankenhaus, in dem Haitam arbeitet, direkt an eine aktive Kampfzone. Maschinengewehrfeuer, Einschläge, das Pfeifen von Querschlägern – all das wird schnell Teil des Alltags. "Es erschüttert mich immer wieder, wie rasch diese Geräusche zu Hintergrundrauschen werden", schreibt er. Erst wenn Kollegen ihn darauf hinweisen, bemerkt er die eigene Abstumpfung. "Man gewöhnt sich an Dinge, an die man sich nie gewöhnen sollte."

Zwei Mitarbeiter des IKRK-Feldkrankenhauses in Rafah operieren einen Patienten

Endloser Ausnahmezustand im Operationssaal

Die Tage folgen einem unerbittlichen Rhythmus. Zwischen drei und fünf Uhr morgens trifft die erste Welle Verwundeter ein. Treibstoff ist knapp, Krankenwagen fehlen. Angehörige tragen deshalb Verletzte herbei, ziehen sie auf Karren, manchmal auf Eselswagen. Der Triagebereich füllt sich innerhalb von Minuten. Menschen schreien, flehen, drängen. Auf dem Boden liegen Verwundete dicht an dicht. Einige still. Andere in ihren letzten Atemzügen.

Die palästinensischen Kolleginnen und Kollegen arbeiten routiniert, fast lautlos. Triage, Behandlung, Weiterleitung. Jeder Handgriff sitzt. Innerhalb von Sekunden erhalten die Patientinnen und Patienten Farbcodes: Grün, Gelb, Rot. Blau für jene, die nicht überleben werden. Schwarz für die Toten. Die Leichenhalle ist ein umgebauter Kühlcontainer.
 

Ein Mann steht in OP-Kleidung steht in einem OP-Saal
Haitam Daniel Al-Hassan war als OP-Pflegefachkraft war schon weltweit in Einsätzen in Konflikt- und Krisengebieten.

Ein Helfer unter vielen

„Hier gibt es keine Heldinnen und Helden“, sagt Haitam später im Interview. „Unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort kämpfen um das Überleben ihrer eigenen Gemeinschaft.“ Die Präsenz internationaler Mitarbeitender dient der Solidarität und Entlastung – sie haben nicht den Anspruch, als Retter aufzutreten.

Im OP herrscht ein endloser Ausnahmezustand. Zwei Säle, nie ausgelegt für diese Masse. 14 bis 16 Stunden Arbeit täglich, Woche für Woche. Schadensbegrenzung ist das Ziel: Blutungen stoppen, stabilisieren, Platz schaffen für den nächsten Patienten. Material fehlt überall, oft muss improvisiert werden.  „Es fühlt sich an, als hätten wir schwere Entscheidungen getroffen“, schreibt Haitam, „obwohl wir von Anfang an keine Wahl hatten.“

Das Rotkreuz- und Rothalbmond-Krankenhaus des IKRK in Rafah

Im Mai 2024 wurde in Rafah im westlichen Teil des Gazastreifens ein Rotkreuz- und Rothalbmond-Krankenhaus des IKRK in Zusammenarbeit mit vierzehn Partnern errichtet. Das DRK unterstützt das Feldkrankenhaus durch die Bereitstellung von Fachkräften sowie medizinische Ausrüstung (Labor, Pflege) und technische Ausstattung (Elektrizität, Wasser). Das Feldkrankenhaus bietet u.a. Notfallchirurgie, Geburts- und gynäkologische sowie pädiatrische Versorgung an. Rund um die Uhr stehen etwa 30 medizinische Fachkräfte bereit, um Hilfe zu leisten./td>

Vom Übersetzer zur OP-Pflegefachkraft in Krisengebieten

Dass er heute hier steht, war nicht geplant. “Ich komme aus einer Familie mit starker medizinischer Prägung. Doch ich selbst hatte eigentlich nie die Absicht das zu tun, was ich jetzt mache, mich als OP-Pflegefachkraft weltweit in Einsätzen in Konflikt und Krisengebieten zu engagieren. Eigentlich hatte ich mein Studium als Diplom-Übersetzer und vereidigter Dolmetscher in Arabisch, Englisch und Deutsch absolviert und wurde 2010 ursprünglich vom IKRK engagiert, um in der Kommunikation mit lokalen Behörden oder in sensiblen Kontexten wie Haftbesuchen und Mediation zu arbeiten."

"Erst 2014 wurde ich vom IKRK gefragt, ob ich nicht in die pflegerische Sparte wechseln wolle. Denn ich bin auch ausgebildeter Krankenpfleger und Rettungssanitäter. Seither habe ich international in verschiedenen Einsätzen mit dem Schwerpunkt OP-Pflege und seit 2024 als leitender OP-Pfleger gearbeitet."

Ein Dank an das DRK-Surge-Unit-Team

Das Team der DRK-Surge-Unit hat er als ein sehr persönliches, hoch engagiertes und professionelles Team erlebt. Sie waren für ihn, so Haitam im Interview, sowohl vor der Abreise und bei der Vorbereitung auf seinen Einsatz, während des Einsatzes aber auch danach immer ansprechbar, agierten schnell und problemorientiert und erleichterten ihm das Leben, wo immer es ihnen möglich war. Heute ist er leitende OP-Pflegefachkraft im Global Surge Team des Norwegischen Roten Kreuzes.