
Am 2. März 1934 tritt auf Weisung der Berliner Hauptverwaltung auch beim Hamburger DRK-Landesverein eine neue Satzung in Kraft. Künftig trifft anstelle des bisherigen Vorstandes ein Verwaltungsrat Entscheidungen über die Rotkreuzarbeit in der Hansestadt. Von 1935 an nimmt Professor Dr. Wilhelm Holzmann, meist „Willy“ genannt, einen Sitz in diesem Verwaltungsrat ein.

Der 1878 in Hamburg geborene Neurologe hat sich bereits im Februar 1923 der NSDAP angeschlossen und nach Aufhebung des vorübergehenden Parteiverbots erneut im Oktober 1927. Zwei Jahre später hat er sich an der Gründung des NS-Ärztebundes beteiligt. Sukzessive nimmt er nun zahlreiche Leitungsfunktionen im medizinischen Bereich der Hansestadt ein, unter anderem beim Rassepolitischen Amt der NSDAP. Als „Gauärzteführer“ treibt er die Entrechtung und Vertreibung „nichtarischer“ Ärztinnen und Ärzte voran, wofür sich ihm der Senat im September 1933 mit der Verleihung des Professorentitels erkenntlich zeigt. Darüber hinaus leitet er alle standesärztlichen Belange in Hamburg, lehrt „Rassenkunde“ an der Universität und praktiziert weiterhin als Neurologe.
1936 wird auch seine Ehefrau Anni, die dem Roten Kreuz zwei Jahre zuvor beigetreten ist, als neue Vorsitzende des DRK-Landes-Frauenvereins Mitglied im Verwaltungsrat. Als Leiterin des weiblichen Bereitschaftsdienstes agitiert sie gegen die Mitwirkung von „Mischlingen 2. Grades“ als DRK-Schwesternhelferinnen. Im November 1940 wird sie zur Generalführerin befördert und ist damit dem Leiter der DRK-Landesstelle, Generalführer Dr. Hans-Ernst Tietzen, gleichgestellt. Eine Verbindung zu den humanitären Werten des Roten Kreuz haben die Eheleute nicht. Schon als Mitbegründer der Hamburger Sektion der Deutschnationalen Volkspartei 1918 haben beide ein explizit rassistisch-antisemitisches Weltbild vertreten, das sie auch im Roten Kreuz durchzusetzen versuchen.
Als Tietzen 1944 bei einem Bombenangriff ums Leben kommt, tritt Willy Holzmann dessen Nachfolge an. Der 66-Jährige entspricht ganz den Vorstellungen des geschäftsführenden DRK-Präsidenten Ernst-Robert Grawitz, der die Führung der Landesstellen in den Händen von SS-Männern fordert.
Sofort nach Kriegsende müssen die Eheleute das Rote Kreuz verlassen. Willy Holzmann wird interniert und erhält aufgrund seiner politischen Tätigkeiten keine neue Praxiszulassung. Er stirbt im Januar 1949 an einem Lungenemphysem. Was aus Anni Holzmann geworden ist, ist nicht bekannt. Walter Ritter, der während des Krieges Landesstellenleiter der Bereitschaften gewesen ist und nach 1945 als Präsident des DRK-Landesverbandes amtiert, stellt ihr noch einen „Persilschein“ aus.
Andrea Brinckmann