
1921 im Kreis Leobschütz in Oberschlesien zur Welt gekommen, tritt Herta Radike mit achtzehn Jahren in die Augusta-Schwesternschaft in Breslau ein, die 1875 durch den Vaterländischen Frauenverein vom Roten Kreuz gegründet worden ist. An der dortigen Universitätskinderklinik lernt sie während des Krieges den Beruf der Säuglings- und Kinderschwester. „Ich hab schon als Kind Babys versorgt. Und man hat sie mir auch immer anvertraut, weil ich gut mit ihnen war.“
„Sehr streng war alles“, erinnert sie sich an ihre Lehrjahre. Anfangs hat sie mit der Oberin, Frau von Uthmann, praktisch keinen Kontakt. Später steckt sie sich bei einem kranken Kind mit Typhus an. „Da kam mich dann sogar die Oberin besuchen – daran habe ich gemerkt, wie krank ich war.“
Ende 1944 steht sie kurz vor dem Examen, das sie jedoch infolge des Krieges nicht mehr ablegen kann. „Stündlich kamen Trecks mit kranken Kindern aus den östlichen Kliniken. Als keine Trecks mehr kamen, wussten wir, jetzt sind wir an der Reihe, zu gehen.“ Doch nicht allen Augusta-Schwestern gelingt die Flucht. Sie werden unterwegs von der Roten Armee oder von polnischen Milizen eingeholt; ganze Lazarettzüge geraten in Gefangenschaft. Einige wenige Schwestern sind in Breslau zurückgeblieben. Für sie alle beginnt eine jahrelange Odyssee des Leidens mit Zwangsarbeit und Internierungslagern.

Herta Radike aber langt Ende Januar 1945 mit einigen anderen Schwestern im Rittberg-Krankenhaus in Berlin-Lichterfelde an. Auch dort arbeitet sie wieder in der Kinderklinik. „Bald kamen auch hier die Trecks aus den östlichen Städten des Reiches an. Nur weiterschicken konnte man sie jetzt nicht mehr, denn auch im Westen kamen die Alliierten immer näher. Inzwischen waren es so viele Kinder, dass sie zu zweien in den Bettchen lagen, zum Kopf- und zum Fußende.“
Während die Front näher rückt, holt sie im März ihr Examen nach und kann noch einmal etwas Atem schöpfen. „Die Bomber kamen meistens nachts, am Tage war ja Ruhe. Da haben wir uns alles schön angesehen in Potsdam.“ Wenig später, am 14. April 1945, wird die Altstadt durch einen massiven Bombenangriff ausradiert.
Vier Wochen verbringen die Schwestern schließlich mit ihren kleinen Patienten im Luftschutzkeller unter der Klinik – erst aus Angst vor den Bomben, dann aus Angst vor den russischen Soldaten. „Jedes Kind hatte dort sein Bettchen. Abends trugen wir sie für die Nacht hinunter. War Alarm, nahmen wir gleich zwei Babys auf einmal in die Arme.“
Es sei, bekennt Radike im Rückblick, die schwerste Zeit ihres Lebens gewesen. „Wenn ein Kind gestorben war, trug Oberschwester Irmgard es bei Nacht in das große, offene Grab [im Park der Klinik]. Dabei durfte sie von niemandem angesprochen werden; es war für sie wie eine heilige Handlung. Auch ein kleiner Liebling von mir musste dort hingetragen werden. Normalerweise hätte er in ein oder zwei Wochen wieder entlassen werden können, aber so, in dem Bunker, da konnte ja kein Kind gesund werden.“
Im Interview erinnert sie sich an ihre Lehrjahre in Breslau und die Geschehnisse 1945 im Rittberg-Krankenhaus.
Über den DRK-Suchdienst versuchen sie und ihre Mitschwestern, Angehörige ausfindig zu machen. „Schon ein halbes Jahr lang hatten wir nichts von ihnen gehört.“ Im Oktober 1945 zieht Herta Radike weiter nach Quedlinburg, wo das Breslauer Mutterhaus vorübergehend Aufnahme gefunden hat; einige Jahre darauf wird es dann nach Lüneburg verlegt. Von dort geht sie kurzzeitig als Krankenschwester nach England. 1953 heiratet sie und lebt dann mit ihrem Mann in Krefeld. Jahrzehnte später kommt ihr erstes Enkelkind im Rittberghaus zur Welt.
Mitte der neunziger Jahre schließt das Krankenhaus. Später pachtet der DRK-Bundesverband das Gebäude und das umgebende Gelände von der Berliner Schwesternschaft, und seit 2001 hat das Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes dort seinen Sitz. Im Garten gemahnt heute ein schlichtes Holzkreuz an die rund fünfzig Toten aus den letzten Kriegstagen, die in dem von Herta Radike beschriebenen Gemeinschaftsgrab ihre letzte Ruhestätte fanden. Mit neunzig Jahren zieht sie schließlich selbst nach Berlin, in die Nähe ihrer Töchter.