· Madagaskar

Gemeinsam vorbereitet: So entstand in Madagaskar ein Frühwarnprotokoll für Zyklone

© Croix-Rouge Malagasy

Jedes Jahr treffen tropische Wirbelstürme auf Madagaskar. Sie zerstören Häuser, vernichten Ernten und gefährden das Leben tausender Menschen. Doch was wäre, wenn Hilfsmaßnahmen schon starten könnten, bevor ein Zyklon auf Land trifft?
Genau daran arbeiten das Madagassische Rote Kreuz und das Deutsche Rote Kreuz gemeinsam mit weiteren Partnern. Ziel ist ein sogenanntes Early Action Protocol (EAP) für Zyklone – ein verbindliches Frühwarnprotokoll. Dieses legt fest, wann und wie Schutzmaßnahmen ausgelöst werden, sobald Wettervorhersagen auf einen Sturm hindeuten und ein sogenannter "Trigger-Punkt" erreicht ist. Das Projekt wird gefördert durch die Deutsche Bank Stiftung.

Der Ausgangspunkt: die Erfahrungen der Menschen

Von Beginn an stand für die Projektpartner fest: Das Frühwarnprotokoll muss bei den Menschen beginnen, die jedes Jahr mit den Folgen von Zyklonen leben.

Deshalb führten Freiwillige des Madagassischen Roten Kreuzes (Croix-Rouge Malagasy, CRM) gemeinsam mit den Gemeinden eine angepasste Vulnerabilitäts- und Kapazitätsanalyse durch. Dabei ging es nicht nur um die Erörterung von Risiken (Risikokartierung) oder Wetterdaten, sondern vor allem um die Erfahrungen der Bevölkerung: Welche Auswirkungen hatten frühere Zyklone? Welche Warnsignale werden wahrgenommen? Welche Unterstützung wird vor einem Sturm tatsächlich benötigt?

Die gewonnenen Erkenntnisse flossen direkt in die Entwicklung des Frühwarnprotokolls ein. So entstand ein Ansatz, der wissenschaftliche Vorhersagen mit lokalem Wissen verbindet.

Die besondere Stärke dieses Entwicklungsprozesses besteht darin, dass er nicht von Daten ausgeht, sondern von den Menschen. Die Gemeinden wissen selbst immer am besten, was sie brauchen und welche Schritte erforderlich sind. Unsere Rolle ist es, zuzuhören, die Maßnahmen zu strukturieren nd dafür zu sorgen, dass sie frühzeitig umgesetzt werden konnten – und nicht erst verzögert.

Enrique Bermejo, ehemaliger DRK-Projekt-Delegierter in Madagaskar

 

Nicht jeder Zyklon verhält sich gleich

Bewohner und Rotkreuzmitarbeiter und -Freiwillige arbeiten zusammen an einem Tisch
Lokales Wissen über die Bedingungen vor Ort und die Risiken von Naturkatastrophen fließen bei den Workshops und Risikoanalysen in den Gemeinden mit ein. © Croix-Rouge Malagasy

Ein wichtiger Lernprozess ergab sich aus ersten Testaktivierungen des Systems. Dabei wurde deutlich, dass Zyklone in Madagaskar sehr unterschiedlich verlaufen können.

Stürme, die sich im Meereskanal vor Mosambik bilden, entwickeln sich häufig sehr schnell. Für vorausschauende, humanitäre Maßnahmen bleibt dann oft nur wenig Zeit. Zyklone aus dem Indischen Ozean hingegen können sich mehrere Tage vorher ankündigen und geben mehr Zeit, vorausschauende, humanitäre Maßnahmen umzusetzen. Dadurch entsteht ein deutlich größerer Handlungsspielraum für Evakuierungen, Warnkampagnen gegenüber der Bevölkerung oder die Bereitstellung von Hilfsgütern.

Diese Unterschiede werden künftig im Frühwarnprotokoll berücksichtigt. Auslösemechanismen zur Aktivierung des Frühwarnprotokolls und Zeitfenster, um zu evakuieren und Hilfsgüter zu verteilen müssen flexibel genug sein, um auf verschiedene Zyklon-Arten reagieren zu können, das ist der Knackpunkt.

Von lokalen Erfahrungen zu nationalen Strukturen

Frühwarnprotokolle gehören zur sogenannten Anticipatory Action, dem vorausschauenden humanitären Handeln. Dabei werden Hilfsmaßnahmen nicht erst nach einer Katastrophe umgesetzt, sondern bereits vor ihrem Eintreten - wenn verlässliche Prognosen auf erhebliche Auswirkungen hinweisen. Voraussetzung dafür sind vorher definierte Auslösekriterien, abgestimmte Maßnahmen und bereits zugesagte Finanzmittel, die bei Aktivierung des Frühwarnprotokolls schnellstmöglich bereitgestellt werden können.

Madagaskar gehört zu den Ländern, die diesen Ansatz in den vergangenen Jahren zunehmend ausgebaut haben. Gemeinsam mit staatlichen Stellen, meteorologischen Diensten und humanitären Organisationen wurden Verfahren entwickelt, um Wettervorhersagen systematisch in das Katastrophenmanagement einzubinden. Das Madagassische Rote Kreuz spielt dabei eine wichtige Rolle und bringt seine Erfahrungen aus der Arbeit mit gefährdeten Gemeinden in die Entwicklung nationaler Systeme ein.

Früh handeln, bevor die Katastrophe eintritt

Das Madagassische Rote Kreuz aktivierte im Frühjahr 2026 erstmals sein Frühwarnprotokoll. So konnten viele Menschen rechtzeitig gewarnt werden, bevor Zyklon Gezani am 11. Februar auf Land traf. © Croix-Rouge Malagasy

Das neue Frühwarnprotokoll sieht unter anderem die Verbreitung von Warnmeldungen, die Unterstützung von Evakuierungszentren, sowie die Bereitstellung von Notunterkünften und Hilfsgütern vor. Ziel ist es, Menschen rechtzeitig zu schützen und Schäden zu reduzieren, bevor ein Zyklon seine volle Wirkung entfaltet.

Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigte sich bereits Anfang 2026. Vor dem tropischen Zyklon Gezani aktivierte das Madagassische Rote Kreuz erstmals sein Frühwarnprotokoll. Freiwillige und lokale Einsatzteams konnten noch vor dem Eintreffen des Sturms Warnungen verbreiten und vorbereitende Maßnahmen in besonders gefährdeten Regionen umsetzen.

Die Entwicklung des Frühwarnprotokolls ist damit mehr als nur ein datenbasiertes, „theoretisches“ Projekt. Es zeigt, wie lokales Wissen, datenbasierte Informationen, fachliche Expertise von DRK- und CRM-Mitarbeitenden und moderne Wettervorhersagen zusammenwirken können, um Menschen besser vor den Folgen von Naturgefahren zu schützen. Jedoch wäre die effektive Umsetzung ohne das ehrenamtliche Engagement von CRM-Freiwilligen im gesamten Land (Das CRM hat insgesamt über 10.000 Freiwillige) kaum möglich. Denn wirksame Katastrophenvorsorge beginnt nicht mit einer Warnung – sondern mit den Menschen, die wissen wie sie sich schützen und im Fall einer drohenden Katastrophe rechtzeitig handeln können. 

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