Veranstaltung in opulentem Saal mit Hakenkreuzen
Das DRK im Nationalsozialismus

Die Jahre 1939 bis 1945

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Das DRK war mit der Satzung von 1937 längst auf den Kriegseinsatz vorbereitet worden. Während des Krieges wurde unter dem Roten Kreuz millionenfach Hilfe geleistet. Durch die Einsätze an strategisch wichtigen Orten waren einige Rotkreuzlerinnen und Rotkreuzler aber auch mit den Verbrechen des Nationalsozialismus konfrontiert. Mal durch ihr Schweigen, mal durch das einfache Befolgen von Befehlen, mal durch ihr Mitwirken – mit der oftmals unkritischen Haltung gegenüber der NSDAP und ihrer Ideologie hat auch die Gesamtorganisation Deutsches Rotes Kreuz Schuld auf sich geladen.

Personelle Verflechtungen

Uniformierter Mann mit Zeigestock vor Schautafel
Ernst-Robert Grawitz erläutert bei einem Vortrag im Präsidium in Potsdam-Babelsberg die Organisation des Deutschen Roten Kreuzes

Seit seiner Ernennung zum geschäftsführenden Präsidenten trieb Ernst-Robert Grawitz, Chef des SS-Sanitätsamts, die weitere Verzahnung von Rotem Kreuz und NSDAP voran. Mit dem „DRK-Gesetz“ vom 9. Dezember 1937 wurden die bisher selbständigen Verbände, Vereine und Untergliederungen aufgelöst, der eingetragene Verein „Deutsches Rotes Kreuz“ mutierte zur neuen „Einheit Deutsches Rotes Kreuz“. Die zentralisierte Struktur gab Grawitz eine nie dagewesene Machtfülle. Im Präsidium traten weitere SS-Männer wie Oswald Pohl ihre Ämter in Schlüsselpositionen an.

Die überlieferten Personallisten von 1939 und 1940 zeigen, dass mehr als fünfzig Prozent des Führungspersonals des DRK Parteimitglieder waren. Die Hilfsgesellschaft blieb formal unabhängig, war aber auf allen Ebenen mit dem Staat und seiner Ideologie verbunden, auf jeden Fall kein Hort des Widerstandes.

Da seit Oktober 1939 aktiv zum Beitritt in das DRK geworben werden durfte, stiegen die Mitgliederzahlen bis 1942 auf über vier Millionen. Dennoch prägte von Beginn des Krieges an ein steter Personalmangel die Arbeit des Roten Kreuzes.

Arbeitsbereiche nach Kriegsbeginn

Bis zu 640.000 DRK-Kräfte waren während des Krieges im Einsatz, vor allem Frauen, davon zeitweise über 80.000 in der „freiwilligen Krankenpflege“ bei Heer, Marine und Luftwaffe und auch bei der Waffen-SS. Das DRK engagierte sich nicht nur in den Lazaretten (Reservelazarette im Reich, Kriegs- und Feldlazarette), sondern auch im zivilen Luftschutz, bei der Begleitung von Verwundetentransporten sowie bei der Betreuung von Umsiedlern und Flüchtlingen. 

Ein weiteres wichtiges Tätigkeitsfeld waren die Betreuungsdienste für die Wehrmacht, zu denen etwa der Bahnhofsdienst für die Versorgung durchreisender Soldaten gehörte oder der Betrieb von Soldatenheimen in den besetzten Gebieten. 

Immer wieder stellte das DRK der Wehrmacht auch Helferinnen für den Nachrichtendienst, die sogenannten Blitzmädel, zur Verfügung – ein Einsatz, der äußerst heikel war, da er rein militärischen Zwecken diente.

An der sogenannten Heimatfront übernahmen die nun in weibliche und männliche Bereitschaften eingegliederten DRK-Angehörigen weiterhin rettungsdienstliche Tätigkeiten und betrieben Unfallstationen, Rettungswachen und Ambulanzen. Ab 1943 wurden etwa fünfundachtzig Prozent aller Krankentransporte über das DRK abgewickelt.

Trotz entsprechender Anwerbungskampagnen konnten während des Krieges nicht mehr alle interessierten Frauen die dreijährige Ausbildung zur Vollschwester absolvieren. An vielen Stellen wurden Hilfsschwestern oder Schwesternhelferinnen eingesetzt, die im Schnellverfahren ausgebildet worden waren.

Zwangsarbeit und Lager

DRK-Kräfte übernahmen auch die medizinische Versorgung in sogenannten Fremd- und Zwangsarbeiterlagern. Von Beginn des Krieges an waren zivile Arbeitskräfte aus den von Deutschland besetzten Teilen Europas im Reich eingesetzt worden. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 wurden dann Millionen von Zivilistinnen und Zivilisten sowie Kriegsgefangene aus Osteuropa verschleppt und zum Arbeiten, beispielsweise in der deutschen Rüstungsindustrie, gezwungen.

So etwa auch in den REIMAHG-Werken in Thüringen, wo sie unter katastrophalen Bedingungen in Rüstungsprojekten tätig waren. Die dort eingesetzten DRK-Kräfte betreuten sie in stillschweigender Duldung der Zustände medizinisch. Fälle wie dieser zeigen, dass auch untere Dienstgrade des DRK über die menschenverachtende Behandlung Bescheid wussten und diese im Zweifel mittrugen. 

Inwieweit das Rote Kreuz selbst von Zwangsarbeit profitierte, kann auf Basis der Akten nicht allumfassend beantwortet werden. 

Internationale Aufgaben

In der Kriegsgefangenenfürsorge war das DRK zwangsläufig auch international tätig. Zusammen mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) vermittelte es Briefe, Pakete und sogenannte Liebesgaben an gefangene Soldaten und Zivilinternierte. Deutsche Soldaten, die an der Westfront in Gefangenschaft geraten waren, wie auch alliierte Gefangene in Deutschland profitierten von den internationalen Abkommen. 

Sowjetische Gefangene erhielten hingegen keine Unterstützung. Dass die Sowjetunion nur eine der Genfer Konventionen von 1929 ratifiziert hatte, nämlich die zur Behandlung von verwundeten Kriegsgefangenen, nicht aber die zur allgemeinen Behandlung von Kriegsgefangenen, nahmen die Nationalsozialisten und die Wehrmachtsführung zum Vorwand, sich ihnen gegenüber nicht an die Bestimmungen zu halten – ein Rechtsbruch, denn das Deutsche Reich war unabhängig vom Verhalten der anderen Kriegsparteien dazu verpflichtet. Auch das IKRK kontrollierte die Lager für Gefangene aus der Sowjetunion kaum.

Die vielfältigen Einsätze von DRK-Kräften im ganzen Reich und in den besetzten Gebieten legen nahe, dass es an einigen Stellen im DRK Wissen über die industrielle Massenvernichtung von Juden und Roma und anderen Gruppen gegeben hat. Beim Schutz der Verfolgten hat die Rotkreuzgemeinschaft jedoch versagt. Immer wieder verteidigten DRK-Funktionäre Entscheidungen des NS-Regimes vor den internationalen Rotkreuz-Organisationen und machten sich so zu einem willfährigen Sprachrohr der Menschenverachtung. 

Im September 1945 löste die sowjetische Militäradministration in ihrem Zuständigkeitsbereich das Deutsche Rote Kreuz wegen dessen Rolle im NS-Staat auf. Die westlichen Alliierten folgten dieser Entscheidung, allerdings gestatteten sie in ihren Besatzungszonen die Fortführung der wichtigen Versorgungsarbeit des Roten Kreuzes auf lokaler und regionaler Ebene. Auch viele DRK-Karrieren konnten in der Bundesrepublik fortgesetzt werden. Von allen SS-Funktionären in DRK-Führungspositionen ist Oswald Pohl der Einzige, der 1947 wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt wurde.

Die weitere Entwicklung des Roten Kreuzes in Deutschland erfolgte unter den Bedingungen einer neuen Weltordnung und der Teilung Europas. Im Westen schlossen sich die Verbände 1950 zu einem Dachverband zusammen, zwei Jahre später entstand auch in der DDR ein eigenes DRK.

Constanze Wiedemann

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