Schwesternhelferin übergibt Mann Blumen
Das DRK im Nationalsozialismus

Die Jahre 1933 bis 1939

Der vorliegende Text basiert auf den Ergebnissen der Studie Das Deutsche Rote Kreuz unter der NS-Diktatur 1933-1945 von Birgitt Morgenbrod und Stephanie Merkenich. Diese unabhängige Studie wurde 2008 im Auftrag des DRK-Generalsekretariats veröffentlicht.

Seit 1922 war das DRK als nationale Hilfsgesellschaft anerkanntes Mitglied der Liga der Rotkreuzgesellschaften (heute: Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften). Damit stellte es unter Beweis, dass es die Kriterien der Genfer Abkommen erfüllte und in seinem Charakter unabhängig, neutral und humanitär ausgerichtet war. Zu seinen völkerrechtlichen Aufgaben gehörte die medizinische Versorgung Verwundeter im Kriegsfall, die Wahrung der Schutzzeichen und die Unterstützung von Kriegsgefangenen und Vermissten. Mit rund 1,5 Millionen Mitgliedern war es eine bedeutende Institution. Die internationale Zusammenarbeit im Rahmen der Liga half dem Deutschen Reich, sich aus der politischen und diplomatischen Isolation herauszuarbeiten.

Das DRK 1933

Vergilbte Abschrift des Briefes
Im Mai 1933 schickte der Präsident des DRK, Joachim von Winterfeldt-Menkin, einen Brief an Adolf Hitler, in dem er ihm die ganze Unterstützung des DRK zusicherte. Ein nicht zuletzt strategischer Schritt, der den Fortbestand der Organisation sichern sollte.

Der NSDAP und ihren Versprechen standen viele Mitglieder und auch die Führungskreise des DRK grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber. Politisch sah man sich in national-konservativer Tradition. Mit dem demokratischen System der Weimarer Republik und den auf Wohlfahrt fokussierten Aufgaben des DRK hatten nicht wenige Mitglieder gehadert. Besonders in den Sanitätskolonnen bestand der Wunsch nach einer Rückkehr zu den klassischen sanitätsdienstlichen Aufgaben im Falle eines Krieges.

Nach dem Wahlsieg der NSDAP musste das Rote Kreuz seine Rolle im neuen System finden. Anpassung und Gehorsam waren der Weg, den man wählte. In den ersten Monaten des Jahres 1933 wurden politisch unliebsame Mitglieder ausgeschlossen. Auf allen Ebenen verzahnte sich die Organisation mit der SA und übernahm deren militärischen Drill. Formal stand die Mitgliedschaft allen „deutschen Männern und Frauen“ offen, solange sie „ihre Kräfte in vaterländischer Gesinnung zu selbstlosem Dienst für die deutsche Volksgemeinschaft“ einzusetzen gewillt waren. Juden und Jüdinnen wurde jedoch über Ariernachweise und in Dienstvorschriften die Mitgliedschaft untersagt. Nur in Ausnahmefällen setzten sich Rotkreuzler für ihre nun ausgegrenzten Kollegen und Kolleginnen ein. 

Die ideellen Ansprüche an Menschlichkeit und Neutralität einerseits und das konkrete Handeln andererseits fielen zunehmend auseinander. Viele Rotkreuzlerinnen und Rotkreuzler leisteten in ihrer alltäglichen Arbeit weiterhin dort Hilfe, wo die Not groß war. Aber sie schauten auch weg, wo sie gebraucht wurden und unterstützten so ein verbrecherisches System, das auf der Vorstellung beruhte, dass manche Menschen mehr wert sind als andere.

Die neue Satzung: Zurück zum Ursprung?

Die devote Haltung zahlte sich aus: Das DRK konnte auch im NS-Staat bestehen bleiben. Am 29. November 1933 trat die neu verhandelte Satzung in Kraft. Die Organisation sollte gestrafft und nach dem „Führerprinzip“ organisiert werden, mit klaren Hierarchien. Mit Carl Eduard Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha wurde ein engagierter und international vernetzter Nationalsozialist als Präsident eingesetzt.

Inhaltlich wurde die Arbeit des DRK wieder zu seiner „Ursprungsaufgabe“ zurückgeführt, der Mitarbeit am amtlichen und militärischen Sanitätsdienst. Im Falle eines Krieges hatte es weibliche und männliche Hilfskräfte zu stellen und diese zu schulen. Die Schwestern waren wieder mit der Pflege von Kriegsverwundeten und Kranken betraut. Außerdem zählten der Rettungsdienst, die Unterstützung im Gas- und Luftschutz und die „Hilfeleistung bei außergewöhnlichen Notständen im In- und Ausland“ zu den satzungsgemäßen Aufgaben. Die Wohlfahrtsarbeit wurde zurückgedrängt oder an Organisationen wie die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) abgegeben. Im August 1934 übernahm Adolf Hitler als Reichspräsident die Schirmherrschaft über das Deutsche Rote Kreuz.

Die ideologische Nähe zum NS-Regime zeigte sich nicht nur in Personalentscheidungen oder der angepassten Aufgabenstellung. Auch in die Symbolik und Kultur der etablierten Rotkreuzarbeit hielt das neue System Einzug. Uniformen und Abzeichen wurden an die nationalsozialistische Formensprache angepasst, man begrüßte sich mit Hitlergruß. Auch das offizielle Markenzeichen, der Reichsadler mit dem Hakenkreuz auf der Brust, der das Rote Kreuz in seinen Fängen hält, versinnbildlichte die ideologische Einbindung. In der Öffentlichkeit war das DRK bei Großveranstaltungen präsent, etwa bei Reichsparteitagen, den Olympischen Spielen 1936 oder beim Ausbau des „Westwalls“. Es übernahm Aufgaben im Rettungswesen, in der Ersten Hilfe und beim Luftschutz, oft in enger Zusammenarbeit mit NS-Organisationen.

Das neue DRK-Gesetz

1935 wurde im Deutschen Reich die Wehrpflicht wiedereingeführt. Damit waren die Vorbereitungen für einen kommenden Krieg einen großen Schritt weitergekommen. Dies erforderte jedoch eine neuerlich überarbeitete Struktur: Mit dem Ziel einer vollständigen Gleichschaltung sollte die Hilfsorganisation effizienter und einsatzfähig für den Ernstfall werden. Das Gesetz über das Deutsche Rote Kreuz und die dazugehörige Satzung traten zum 1. Januar 1938 in Kraft und zementierten das Ende des traditionellen Deutschen Roten Kreuzes. Dessen endgültige Verzahnung mit dem NS-Staat verdeutlicht eine wichtige Personalie: Der neu eingesetzte zunächst stellvertretende Präsident Dr. Ernst-Robert Grawitz war parallel auch der ranghöchste Arzt der SS und damit ein wichtiger Entscheidungsträger des Regimes. 

Alle bisher föderal und eigenständig organisierten Vereine, etwa der Verband der Mutterhäuser vom Roten Kreuz oder die Sanitätskolonnen von der Landes- bis zur Ortsebene, wurden aufgelöst. Anstelle der bisherigen Gliederungen trat die zentralisierte Einheitsorganisation Deutsches Rotes Kreuz. Nahezu alle Führungspositionen wurden mit Parteimitgliedern und häufig sogar SS-Angehörigen besetzt. 

Constanze Wiedemann

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