
Gewalt hinterlässt tiefe Spuren und der Weg zurück ins Leben ist schwer. Die Kinderschutzdienste des DRK-Landesverbands Rheinland-Pfalz begleiten betroffene Kinder und helfen ihnen, wieder Vertrauen zu fassen und mutig nach vorne zu blicken. Solche Einrichtungen werden dringender denn je gebraucht.
Am Ende einer Beratungsstunde verabschiedet sich ein Junge mit dem Wunsch nach einer Umarmung. Er lächelt und sagt: „Ich freue mich auf das nächste Mal.“ Für Eva Schäfer sind es diese Momente, die zeigen, wie dringend Kinder einen Ort brauchen, an dem sie Vertrauen fassen können. Seit 25 Jahren bieten die Kinderschutzdienste des DRK-Landesverbands Rheinland-Pfalz im Landkreis Westerwald und Altenkirchen genau diesen Raum: zum Reden, Spielen und zum Wieder-stark-Werden.
2024 wurden in Deutschland 18.085 Fälle sexualisierter Gewalt registriert.
95 Prozent der Täter sind Männer.
Die Täter stammen meist aus der Familie oder dem Verwandten-und Freundeskreis.
Über Internet und soziale Medien haben 32 Prozent sexualisierte Gewalt erlebt.
Wie Kinder zum Kinderschutzdienst finden, ist ganz unterschiedlich. Oft nehmen besorgte Eltern Kontakt auf. Manchmal sind es Lehrkräfte oder Erziehende, die sich Sorgen machen und um Unterstützung bitten. In besonderen Fällen können die Fachkräfte Kinder auch ohne Wissen der Eltern beraten – zum Beispiel direkt in Schule oder Kita. Wenn Kinder den Weg in den Kinderschutzdienst finden, haben sie oft schlimme Erfahrungen, wie zum Beispiel Gewalt im Elternhaus und Demütigungen hinter sich.
Für uns zählt vor allem, dass die Kinder erleben: Hier ist jemand, der zuhört, der sie ernst nimmt, der ruhig bleibt, auch wenn sie wütend werden.
Eva Schäfer
Die Beratungen dauern in der Regel eine Stunde. Sie folgen einem klaren Konzept: ein therapeutischer Teil, eine kreative Phase, und genügend Zeit, damit die Kinder mit einem guten Gefühl nach Hause gehen.
Manche Fragen sind ganz besonders schwer: „Warum trennt die Mama sich denn nicht?“, ist eine, die Eva Schäfer immer wieder hört. Das macht deutlich, wie unverständlich und zerrissen die Welt der Kinder oft ist: Auf der einen Seite die Angst und das Leid, auf der anderen Seite die tiefe Verbundenheit zu den eigenen Eltern.
Manche ziehen ihre Aussagen wieder zurück, weil sie spüren: „Es sind doch meine Eltern, und ich will ihnen nicht schaden.“ „Solche Situationen sind für uns sehr bitter, gerade wenn wir spüren, wie dringend Hilfe nötig wäre“, sagt Eva Schäfer.
Immer jüngere Kinder besitzen ein Smartphone. Cybermobbing, erzwungene intime Bilder, Übergriffe im Netz – all das spielt mittlerweile eine wachsende Rolle. „Diese Fälle sind nicht weniger belastend als Gewalt im direkten Umfeld und ihre Zahl steigt stark an“, erklärt Eva Schäfer.
Weil immer mehr Kinder Hilfe benötigen und Einrichtungen Unterstützung suchen, hat der Kinderschutzdienst Westerwald seine Beratungszeiten ausgeweitet. Je mehr Kinder Hilfe erhalten, desto besser!

Besonders wichtig sind Gruppenangebote, bei denen Kinder kreativ werden und miteinander Neues erleben. Sie werden ausschließlich durch Spenden finanziert. Ob Kunsttherapie, gemeinsame Ausflüge oder Theaterprojekte – hier können Kinder ihre Gefühle ausdrücken, Erfolgserlebnisse sammeln und merken, dass sie mit ihren schlimmen Erfahrungen nicht allein sind. „Dieses Gefühl gibt ihnen Kraft“, sagt Eva Schäfer. „Es macht sie stolz, etwas Eigenes zu schaffen.“
Auch Präventionsarbeit ist zentral: Theaterstücke wie die „Nein-Tonne“ oder „Kinderrechte-Superkräfte“ sensibilisieren Kinder dafür, ihre Grenzen zu erkennen und im Notfall Hilfe zu holen. Parallel schärfen die Kinderschutzdienste das Bewusstsein von Lehrkräften, Erziehenden und Ärztinnen und Ärzten, damit sie Anzeichen von Gewalt wahrnehmen und handeln.
„Wenn wir den Schutz herstellen und die Kinder in einem sicheren Umfeld leben, dann kann Heilung beginnen“, fasst Eva Schäfer zusammen. Manche Kinder bleiben über Monate oder Jahre in der Beratung. Stück für Stück finden sie zurück ins Leben, werden offener, lebendiger, lachen wieder. Das ist die schönste Bestätigung. Und zugleich der Antrieb, immer weiterzumachen – seit nunmehr 25 Jahren.