Collage DRK-Mitarbeiterin und Weltkarte

Die vorausschauende Hilfe ist eine enorme Errungenschaft

 - Berlin

Was im Jahr 2015 mit einer Idee und drei Pilotprojekten begann, ist heute ein erfolgreiches Konzept, das weltweit Anwendung findet: die vorausschauende humanitäre Hilfe. Stefanie Lux, Sachgebietsleitung Antizipation in der humanitären Hilfe und Risikofinanzierung beim DRK, begleitet diese Arbeit seit über zehn Jahren und zieht im Interview Zwischenbilanz.

Vorausschauende humanitäre Hilfe ermöglicht es, bereits im Vorfeld einer drohenden Notsituation effizienter zu handeln. Basierend auf Vorhersagen im Vorfeld von Extremwetterereignissen können Schäden gelindert oder vermieden werden, wenn frühzeitige Vorsorgemaßnahmen eingeleitet und finanzielle Mittel schneller zur Verfügung gestellt werden.

Wichtige Meilensteine erreicht

Frau Lux, was ist der größte Meilenstein in der zehnjährigen Geschichte vorausschauender humanitärer Hilfe?
DRK-Mitarbeiterin und Rothalbmond-Mitarbeiter sitzen beisammen
DRK-Expertin Stefanie Lux mit bangladeschischen Kollegen bei der Pause während eines Hilfseinsatzes anlässlich einer Überschwemmung in Bangladesch.

Wir haben in zehn Jahren ausgehend von einer Idee und drei Pilotprojekten einen Wandel im humanitären System angestoßen, darauf sind wir stolz. Heute arbeiten 90 Nationale Gesellschaften weltweit an Frühwarnprotokollen und die vorausschauende Hilfe ist fester Bestandteil des humanitären Systems. Die wichtigste langfristige Errungenschaft ist für mich die vom DRK initiierte und Ende 2024 bei der 34. Internationalen Konferenz des Roten Kreuzes und Roten Halbmondes verabschiedete Resolution zum Thema. Mit ihr verpflichten sich alle Nationalen Gesellschaften und Staaten weltweit, zusammenzuarbeiten, um vorausschauende Hilfe in das nationale Katastrophenmanagement zu integrieren. 

Erste Erfolge sehen wir auf den Philippinen: Dort können dank eines neuen Gesetzes seit 2025 staatliche Mittel für die Katastrophenhilfe auf Grundlage von Vorhersagen freigegeben werden, um vorab schützende Maßnahmen zu ergreifen. Auch die steigende Eigeninitiative der Staaten – wie 2024 bei einer Hitzewelle in Bangladesch, als sich die Regierung an den Roten Halbmond wandte, um sich an den vorausschauenden Hilfsmaßnahmen zu beteiligen – zeigt: Wir sind auf einem guten Weg.

Meilensteine vorausschauender humanitärer Hilfe (vergrößert sich bei Mausklick)
Helfer übergibt Bargeld an Familie
Madagaskar: Hier hat das DRK dazu beigetragen, die vorausschauende humanitäre Hilfe auszubauen.

Das Besondere beim Roten Kreuz

Was hebt die vorausschauende humanitäre Hilfe der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung von ähnlichen Ansätzen anderer Hilfsorganisationen ab?

Einzigartig ist unser Finanzierungsmechanismus. Während anderswo übergeordnete Organisationen zwischengeschaltet sind, fließen die Hilfsgelder bei uns sofort direkt an die lokalen Akteure. Unser System ist so ausgelegt, dass sie selbstständig und langfristig vorausschauende Maßnahmen durchführen können, wann immer Extremereignisse bevorstehen, unabhängig von der Präsenz internationaler Partner und Projektlaufzeiten. 

Wie wirkungsvoll das ist, zeigt Mosambik: Unsere Kolleginnen und Kollegen erreichten Ende 2025 in 70 Stunden 10.000 Menschen mit Hilfsgütern zum Schutz vor Überschwemmungen. Das klingt im globalen Maßstab nicht viel, für einen lokalen Akteur in einem Land wie Mosambik ist das aber beachtlich.

Fortsetzung Meilensteine vorausschauender humanitärer Hilfe (vergrößert sich bei Mausklick)

Ein Ausblick

Was steht nun an? Welche Herausforderungen gibt es noch?
Freiwilliger legt Telefonhörer auf
Auch in Äthiopien fördert das Deutsche Rote Kreuz die vorausschauende humanitäre Hilfe.

Es bleibt viel zu tun. Wir wollen die vorausschauende humanitäre Hilfe weiter verbessern, schneller werden und die Genauigkeit von Vorhersagen erhöhen. Ziel ist es, dank der landesweiten Präsenz unserer Schwestergesellschaften – in fast jeder Gemeinde gibt es Freiwillige – dort zu helfen, wo die schwersten Auswirkungen zu erwarten sind, nicht nur in einzelnen Projektgebieten. Trotz besserer Vorhersagen bleiben oft nur wenige Tage. Für viele Nationale Gesellschaften ist es eine große Herausforderung, in kürzester Zeit mit Hilfsgütern potenziell jeden Winkel des Landes zu erreichen. Deshalb konzentrieren wir uns zunächst auf besonders gefährdete Regionen und bauen parallel Kapazitäten auf, um langfristig überall im Land vorausschauende Hilfe zu ermöglichen. 

Zusätzlich gilt es, die Einsatzfähigkeit dauerhaft zu sichern – gerade angesichts der Fluktuation im Ehrenamt – und schwierige Bedingungen wie Pandemien oder bewaffnete Konflikte mitzudenken.

Vielen Dank für das Interview!

Dieses Interview ist für das DRK-Jahrbuch 2025 entstanden.