Rotkreuzschwester und NS-Schwester hinter SS-Männern

Helmy Spethmann

Rotkreuzschwester

Helmy Spethmann wird 1891 in eine gutbürgerliche Familie in Eckernförde geboren. Bereits am Ersten Weltkrieg nimmt sie als Rotkreuzschwester teil. 

Ab dem 21. März 1941 wird sie als DRK-Schwester für die Wehrmacht eingesetzt. Die Schwestern werden durch die Beauftragten des Kommissars der freiwilligen Krankenpflege am Sitz der jeweiligen Wehrkreiskommandos an ihre Einsatzorte delegiert. So gelangt sie in das Reserve-Kriegslazarett III in Warschau. Hauptamtliche DRK-Schwestern wie Spethmann und Schwesternhelferinnen werden auch in SS-Lazarette delegiert. Für den Sanitätsdienst in den Konzentrationslagern ist allerdings spätestens ab 1943 das SS-Sanitätsführungsamt zuständig, das neben den hauptamtlichen Krankenschwestern des NS-Reichsbunds Deutscher Schwestern auch die sogenannten germanischen freiwilligen DRK-Schwesternhelferinnen aus den Niederlanden und Belgien im KZ Dachau ausbilden lässt und in die SS-Lazarette der Konzentrationslager abordnet. Zwei dieser DRK-Schwesternhelferinnen lassen sich im Januar 1945 im Häftlingsrevier des KZ Ravensbrück nachweisen.

Bei ihren Straßenbahnfahrten zu den Beerdigungen von im Lazarett verstorbenen Soldaten kommt Spethmann regelmäßig durch das Warschauer Ghetto. Was sie dort sieht, dokumentiert sie mit ihrer Kamera bei verbotenen Aufenthalten im Ghetto. Ihre Fotos zeigen Straßenszenen, Menschen im Elend, Beerdigungen und verhungerte nackte Menschen in der Leichenhalle. Im November 1942 kehrt Spethmann nach Hamburg zurück und wird im Eppendorfer Krankenhaus „ruhiggestellt“, was auf eine psychiatrische Behandlung hindeutet. Im Anschluss daran ist sie noch in einem Lazarett in Schleswig tätig. Nach ihrer Entlassung Ende 1945 kümmert sie sich nur noch um ihre Mutter und kehrt nicht mehr in die Krankenpflege zurück. 

Helmy Spethmann hat nie über ihre Erlebnisse im Warschauer Ghetto gesprochen. Mit neunundachtzig Jahren stirbt sie 1979 in Schleswig, übergibt aber in ihren letzten Stunden noch ein Fotoalbum an ihre Nichte Ingelene Rodewald. Erst viele Jahre später entdeckt diese die im Futter des Albums verborgenen Fotos aus dem Ghetto und veröffentlicht sie; 2014 erscheint auch ein kleiner Bildband. Spethmanns Absicht war es, die Verbrechen zu dokumentieren. Es fehlte ihr aber die Kraft, dies einer deutschen Nachkriegsgesellschaft mitzuteilen, die die Schuld weitgehend leugnete. 

Petra Betzien

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