
Vierhunderttausend Frauen sind während des Zweiten Weltkrieges als Rotkreuzhelferinnen im Einsatz. Nach ersten Erfahrungen in einem Lazarett am Niederrhein – „dort lernten wir das Grauen des Krieges kennen, das wir bis dahin nur von Erzählungen unserer Väter kannten“ – studiert Hanna Fischer ab 1941 Medizin in Königsberg. Nachts wird sie zum Bahnhofsdienst eingeteilt, versorgt Soldaten auf durchreisenden Zügen bei Eiseskälte mit heißen Getränken.

In den Ferien kommt sie in einem großen Lazarett bei Rastenburg zum Einsatz. „Infanteristen, verschmutzt, die Uniformen zerrissen, angebrannt, zerschossen. Nach fünf Wochen zum ersten Mal Waschen.“ Rastenburg liegt unweit der Wolfsschanze, dem Hauptquartier des militärischen Oberkommandos. Eines Tages wird sie für einen Evakuierungsflug eingeteilt. Am Flugplatz wartet Hitlers Maschine, die, wenn sie nicht benötigt wird, gelegentlich Verwundete nach Königsberg bringt. Sie überfliegen die gesamte Ostfront bis zum Schwarzen Meer, der russischen Jäger wegen im Tiefflug. Am nächsten Morgen übernehmen sie zwanzig schwerverletzte Gebirgsjäger.
1942 kommt Fischer im Hinterland von Warschau zum Einsatz und besucht die zerstörte Stadt. „In der Straßenbahn saßen die Deutschen vorn, die Polen mussten hinten stehen. Als ob sie Menschen zweiter Klasse waren.“ Dann steht sie vor dem Ghetto. „Ich dachte, ich geh da mal rein. Man wusste, es ist was Schlimmes.“ In ihrer Tracht betritt sie den Sperrbezirk: „Wir hätten vielleicht etwas helfen oder ihnen zu essen bringen können, das war ja unsere Aufgabe.“ Doch schon nach wenigen Schritten fängt ein Wachposten sie ab.
1944 wird sie an ein Krankenhaus im fränkischen Hof versetzt und arbeitet in Ermangelung von Ärzten als Anästhesistin. „Es gab keine Zwischenfälle, wir hatten ja nur junge Menschen.“ Häufig Schwerstverwundete, bei Panzersoldaten Verbrennungen und bei Fliegern Lungen- und Bauchschüsse. Zunehmend müssen sie auch zivile Kriegsopfer versorgen, die Leidtragenden der Luftangriffe, Flüchtlinge aus den Ostgebieten. Nachdem die Amerikaner Hof eingenommen haben, dürfen die Mitarbeiter das Krankenhaus monatelang nicht verlassen. Sie gelten als Kriegsgefangene, betrachten die Alliierten das Rote Kreuz doch als nationalsozialistische Organisation. Im Herbst 1945 wird Hanna Fischer in eine ungewisse Zukunft entlassen.
Auch nach Abschluss ihres Studiums bleibt sie dem Roten Kreuz treu, ist in Nürnberg später im Vorstand des Kreisverbands und der Schwesternschaft aktiv. 2003 erzählt sie dem dortigen Rotkreuzmuseum ihre Erinnerungen.
Stefan Schomann