
Ernst-Robert Grawitz wird 1899 in Berlin-Charlottenburg geboren. Sein Vater ist Militärarzt und später Chefarzt am Krankenhaus Westend. 1917 legt er das Kriegsabitur ab; in Frankreich gerät er schließlich in englische Gefangenschaft. Nach seiner Rückkehr studiert er Medizin in Berlin und engagiert sich in völkisch-nationalistischen Organisationen. Ende der zwanziger Jahre lernt er so auch Hermann Göring kennen. 1929 eröffnet er als Internist eine Privatpraxis, ab 1933 leitet er zudem eine Abteilung im Klinikum Westend.

1931/1932 tritt er der NSDAP, der SS und dem NS-Ärztebund bei. 1935 wird er zum „Reichsarzt SS“ ernannt und ist damit deren oberste Instanz in allen medizinischen und sanitätsdienstlichen Fragen. Er steht auch in engem Kontakt mit Heinrich Himmler.
Grawitz’ Ernennung zunächst zum stellvertretenden, dann zum geschäftsführenden Präsidenten des DRK 1937 erfolgt im Zuge der engeren Vernetzung von SS und DRK. Ein weiteres Beispiel dafür ist die Einsetzung Oswald Pohls als Chef des DRK-Verwaltungsamts. In dieser Konstellation gewährt das Rote Kreuz der SS günstige Kredite in Millionenhöhe. Das 1937 erlassene DRK-Gesetz hat die Grundlage für derartige Umgestaltungen geschaffen, die die bisherige Vereinsstruktur zerschlagen und das Rote Kreuz in eine hierarchische, militärisch ausgerichtete Organisation verwandeln. Grawitz’ Ziel ist es, das DRK für den Sanitätsdienst der Wehrmacht effizienter zu machen und ideologisch auszurichten. Unter seiner Führung werden bis zu 640.000 DRK-Kräfte, vor allem Frauen, im Krieg eingesetzt – in Lazaretten, bei der Wehrmachtsbetreuung und im Luftschutz.
In seiner Funktion als „Reichsarzt SS und Polizei“ hat er unter anderem die medizinischen Versuche an Häftlingen in Konzentrationslagern zu verantworten. Auch soll er zu den Initiatoren der sogenannten T-4-Aktion gehört haben, dem massenhaften Mord an Menschen mit Behinderung. Den Historikerinnen Morgenbrod und Merkenich zufolge habe er seine Rollen, also die des SS-Führers einerseits und die des geschäftsführenden DRK-Präsidenten andererseits, strikt getrennt, solange dies seiner Karriere nicht schadete.
In den letzten Kriegstagen tötet Grawitz sich und seine Familie in ihrer Villa in Potsdam-Babelsberg. Als einer der Hauptverantwortlichen für die medizinischen Verbrechen der SS wäre er im Nürnberger Ärzteprozess angeklagt worden. Sein Name steht exemplarisch für die Verstrickung der Medizin in die Verbrechen des Nationalsozialismus und für die moralische Bankrotterklärung einer ganzen Generation von Ärzten.
Constanze Wiedemann