
Lee-J. Schumann war während der Lage selbst im Einsatz und berichtet aus erster Hand über das Krisenmanagement, die Zusammenarbeit der Hilfsorganisationen und die zentrale Rolle des Ehrenamts. Zudem erläutert er, wie sich Einsätze im Katastrophenschutz mit einer beruflichen Tätigkeit vereinbaren lassen – und worauf es dabei ankommt.

Ich habe davon zunächst wie viele andere über die Presse erfahren. Kurz darauf wurde der Stab der Berliner Feuerwehr alarmiert. Dazu gehörte auch ich als Landeskatastrophenschutz-Beauftragter beim Berliner Roten Kreuz, um den Katastrophenschutzeinsatz gemeinsam mit den Hilfsorganisationen zu koordinieren.
Ich kam so gegen 19:00 Uhr zur Stabsstelle bei der Berliner Feuerwehr und habe dort meinen Kollegen aus der Tagschicht abgelöst. Bis zum nächsten Morgen um 08:00 Uhr war ich dort beratend im Einsatz. In den Folgetagen war ich vor allem im Hintergrund tätig und habe die Abstimmung mit den Hilfsorganisationen sowie mit dem operativen Einsatzleiter des Roten Kreuzes vor Ort koordiniert.
Besonders entscheidend ist in solchen Lagen, zunächst Ruhe zu bewahren und sich ein genaues Lage- und Schadensbild zu verschaffen. Was ist konkret passiert und mit welchen Auswirkungen müssen wir rechnen? Bei einem Stromausfall ist bei den damaligen Temperaturen wichtig zu wissen, wie schnell Wohnungen auskühlen und welche Folgen das für Menschen haben kann. Das betrifft insbesondere Pflegebedürftige, Familien mit kleinen Kindern oder Menschen mit Einschränkungen.
Hinzu kommt die Frage, ob Notstromaggregate und Ersatzanlagen in Krankenhäusern funktionieren. In dem betroffenen Gebiet gab es sechs Krankenhäuser. Aus früheren Lagen wissen wir, dass Notstromaggregate nicht immer zuverlässig anspringen und im schlimmsten Fall Evakuierungen notwendig werden können. Solche Szenarien gilt es frühzeitig zu berücksichtigen. Auf dieser Basis wird geplant, wie viele Einsatzkräfte zur Verfügung stehen, wie sie eingesetzt werden und wie lange die Lage voraussichtlich andauert.
Der erste Fokus lag auf der Vorbereitung möglicher Räumungen und Evakuierungen. Gemeinsam mit dem Stab der Feuerwehr wurden über 40 Rettungs und Krankentransportwagen der Hilfsorganisationen alarmiert, um im Ernstfall schnell handeln zu können. Zum Glück war eine großflächige Räumung am Ende nicht notwendig.
In den folgenden Tagen wurden dennoch knapp 100 Personen aus dem Schadensgebiet evakuiert. Dabei handelte es sich überwiegend um Menschen mit hohem Pflegebedarf, die zu Hause oder in Einrichtungen nicht weiter versorgt werden konnten. In Abstimmung mit den zuständigen Behörden wurden sie vorübergehend in anderen Einrichtungen untergebracht.
Ein weiterer Schwerpunkt war der Betrieb von Betreuungsstellen. Insgesamt vier solcher Stellen wurden vom Bezirk eingerichtet und durch das DRK und die anderen Hilfsorganisationen betrieben. Sie dienten der Bevölkerung als Anlaufpunkte, um Handys zu laden, warme Getränke zu bekommen, sich aufzuwärmen und auszuruhen. Diese Stellen wurden durch unseren Betreuungsdienst abgedeckt. Die dritte zentrale Aufgabe war die Verpflegung der Einsatzkräfte. Alle Kräfte arbeiteten in etwa zwölfstündigen Schichten. Wir haben dabei nicht nur unsere eigenen Helfer versorgt, sondern auch Feuerwehr und Technisches Hilfswerk.
Einen einzelnen Moment gab es eigentlich nicht, eher ein durchgehendes Gefühl. Sehr eindrücklich war für mich die Anfahrt zur Berliner Feuerwehr aus Richtung Potsdam. Ich fuhr über mehrere Minuten durch komplett dunkle Straßenzüge, sah vereinzelt beleuchtete Fenster, Menschen mit Taschenlampen auf den Gehwegen und dazu Schneegestöber.
Das sind sehr gespenstische Situationen. In solchen Momenten wird deutlich, dass Hilfe gebraucht wird, vor allem für Menschen, die sich nicht selbst helfen können.
Solche Einsätze sind in der Regel nicht planbar. Sie können nachts, am Wochenende oder mitten am Arbeitstag beginnen. Gerade in den ersten Stunden geht es darum, schnell Einsatzkräfte und Fahrzeuge zu besetzen und den aktuellen Aufenthaltsort zu verlassen.
Deshalb ist eine frühzeitige Kommunikation mit dem Arbeitgeber sehr wichtig. Es sollte geklärt sein, unter welchen Umständen der Arbeitsplatz verlassen werden kann oder was gilt, wenn man aufgrund eines Einsatzes nicht zur Arbeit erscheinen kann.
In Berlin greifen bei einer festgestellten Großschadenslage die Regelungen zur Freistellung und zum Nachteilsverbot. Trotzdem gibt es Berufe, in denen ein sofortiges Verlassen des Arbeitsplatzes nicht möglich ist. Hier braucht es Absprachen und im Zweifel eine Abwägung.
Auch die Erholungszeit nach einem Einsatz ist gesetzlich vorgesehen. Häufig lassen sich flexible Lösungen finden, etwa ein späterer Arbeitsbeginn oder eine reduzierte Arbeitszeit. Der Lohn wird für den Arbeitnehmer normal weitergezahlt. Den entstandenen Ausfall beim Arbeitgeber kann dieser sich von der zuständigen Behörde erstatten lassen.
Das Thema ist sensibel, weil es keine bundesweit einheitlichen Regelungen gibt. Unterschiedliche Gesetze und Schwellenwerte führen oft zu Unsicherheit bei Helfern und Arbeitgebern.
Unternehmen können hier eine wichtige Rolle spielen, indem sie sich gemeinsam mit Hilfsorganisationen für klare und praktikable Regelungen einsetzen. Darüber hinaus können sie das ehrenamtliche Engagement ihrer Mitarbeitenden sichtbar machen und wertschätzen. Das stärkt Anerkennung und Bindung langfristig.
Echte Wertschätzung beginnt damit, das Engagement wahrzunehmen und nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Der Katastrophenschutz in Deutschland basiert zu einem sehr großen Teil auf Ehrenamtlichen. Wertschätzung zeigt sich in einfachen Prozessen, Vertrauen und Unterstützung auch bei Übungen, Besprechungen und Ausbildungen. Wenn Arbeitgeber das ermöglichen, fühlen sich Ehrenamtliche ernst genommen und bleiben langfristig engagiert. Das ist für den Katastrophenschutz unverzichtbar.