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Aus der Vergangenheit lernen, um die Migration in Europa und weltweit besser aufzufangen

Von Tadateru Konoé, Präsident der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften

Hunderttausende fliehen aus ihrem vom Krieg verheerten Land. Familien nehmen unvorstellbare Gefahren in Kauf, um sich in winzigen Booten über das Meer in Sicherheit zu bringen. Menschen, die ein neues Leben beginnen wollen, fühlen sich als „Ausländer“ verunsichert.

Das alles klingt sehr bekannt. Doch es geht keineswegs um Europa 2016, sondern um Südostasien nach dem Fall von Saigon 1975, der eine bis in die 1990er-Jahre anhaltende Massenflucht von Vietnamesen auslöste.

Die Arbeit mit den Bootsflüchtlingen aus Vietnam war eine entscheidende Phase in meiner Laufbahn. Mehr als 800 000 Menschen suchten Zuflucht in südostasiatischen Ländern, im Norden bis nach Japan, im Süden bis nach Australien, und schließlich sogar jenseits des Pazifik.

Wenn ich heute – bei den Vorbereitungen für eine Reise nach Deutschland – die Migrationskrise in Europa betrachte, fühle ich mich oft erinnert an das, was vor mehr als vier Jahrzehnten auf der anderen Seite der Welt geschah.

Ich arbeitete beim Japanischen Roten Kreuz in elf Flüchtlingslagern. Die Menschen, die ich dort kennenlernte, quälte die Ungewissheit. Sie hatten nicht die geringste Vorstellung, wie der nächste Tag, geschweige denn ihre Zukunft aussehen würde. Doch in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und Regierungen taten wir alles, um den Menschen zu helfen, ihre Ängste und das Gefühl der Isolierung zu überwinden, und wir unterstützten sie bei der Gewöhnung an die neue Heimat und das neue Leben. Diese Menschen, die nun in meinem Land lebten, hatten Anspruch auf das Gleiche wie die Einheimischen.

Es gibt viele und sehr deutliche Parallelen zwischen damals und heute. Die Krise, in der ich als jüngerer Mann tätig war, war die Folge eines Konflikts in einem fernen Land. Sie zeigte schon vor der Globalisierung, wie vernetzt alles ist, wie Leid, Verzweiflung und Angst in einem Teil der Welt Folgen in anderen Teilen haben können.

Und sie lehrt uns, die wir in den Aufnahmeländern leben, einiges über uns selbst: über unsere Grenzen, aber auch über unsere nahezu grenzenlose Bereitschaft zu Großzügigkeit und Mitgefühl. In den späten 1970er-Jahren gab es Leute, die Angst und Wut predigten. Doch letztlich wurden sie von der Humanität zum Schweigen gebracht, die allen menschlichen Wesen innewohnt und die uns alle prägt und eint.

Heute wie damals bin ich dieser Überzeugung, selbst wenn ich weiß, dass diejenigen, die zu Diskriminierung und Gleichgültigkeit aufrufen, immer lauter werden und immer mehr Gehör finden, und dass sich die Stigmatisierung von Flüchtlingen und die Ausländerfeindlichkeit immer tiefer in unsere Gesellschaften hineinfressen.

Aus diesem Grund ist das Beispiel Südostasiens so wichtig. Ich glaube, wir täten gut daran, uns bewusst zu machen, dass das Problem, mit dem Europa heute konfrontiert ist, keineswegs einzigartig ist. Dass es Parallelen in der Geschichte hat und dass es heute wie damals gelöst werden kann – ganz gleich, wie lange das dauert. Überdies ist es nützlich sich daran zu erinnern, dass aufgrund der Erfahrungen mit solchen Krisen Prinzipien für den Umgang mit Menschen entwickelt wurden, die vor Verfolgung, Konflikt und Armut fliehen, und dass diese Prinzipien im Völkerrecht und in internationalen Abkommen verankert worden sind. Alle diese Prinzipien bringen eines zum Ausdruck: Jeder Mensch hat Anspruch auf ein menschenwürdiges Leben. Jeder Mensch hat Anspruch auf humanitäre Hilfe. Jeder Mensch hat Anspruch auf Schutz und Sicherheit. Diese einfachen Grundsätze sollten uns als Richtschnur dienen.

Die südostasiatische Krise erinnert uns zudem daran, dass Migration keine ausschließlich europäische Erscheinung ist. Nur 14 % aller Flüchtlinge weltweit befinden sich in Europa. Damit möchte ich die Auswirkungen der vergangenen 12 Monate auf Europa keineswegs bagatellisieren oder die bewundernswerte Großzügigkeit der bisherigen Reaktion außer Acht lassen. Ich möchte lediglich sagen, dass die Notwendigkeit globalen und koordinierten Handelns deutlich geworden ist.

Im Juni wurde die Föderation vom deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier zur Teilnahme an einem hochrangigen Rundtischgespräch über Migration eingeladen. Auf dieser Tagung riefen wir dazu auf, die Menschenwürde zur Grundlage unseres gemeinsamen Handelns zu machen. Wir erinnerten auch daran, dass solches Handeln nur dann effektiv ist, wenn die Bedürfnisse der Migranten in allen Stadien der Migration ernst genommen werden.

Die Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes bei der Aufnahme und Unterstützung von Flüchtlingen und Migranten und die Hilfe, die es ihnen zu Beginn ihres neuen Lebens in Deutschland zukommen lässt, erfüllen die Föderation mit Stolz. Diese Arbeit ist ein wichtiger Teil der weltumspannenden Aktivitäten des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds in den Herkunfts-, den Transit- und den Aufnahmeländern. Die Föderation ist auf allen diesen Ebenen präsent: Sie bietet den Menschen Information, Unterstützung und Schutz, wenn sie sich auf den Weg machen; sie organisiert Such- und Rettungsaktionen, wenn sie versuchen, das Mittelmeer zu überqueren, und sie stellt Erste Hilfe, Lebensmittel und Unterkunft zur Verfügung, wenn sie an einer fremden Küste ankommen.

Das Schwierigste liegt allerdings noch vor uns. Ungeachtet der Anzahl der Menschen, die auch künftig in Europa Zuflucht suchen werden – Hunderttausende sind bereits hier und werden voraussichtlich bleiben. Sie brauchen Sprachunterricht, Bildung und Berufsausbildung sowie andere Formen der Unterstützung, die ihnen helfen, aktive und produktive Mitglieder der deutschen Gesellschaft zu werden. Die Geschichte lehrt uns, dass das machbar ist. In vielen Ländern in Asien und in aller Welt hat sich die Generation der vietnamesischen „Bootsflüchtlinge“ hervorragend in die unterschiedlichsten Gesellschaften integriert. So etwas setzt Geduld und Einsatzbereitschaft voraus – und Engagement für Mitmenschlichkeit.

Zum englischen Original: Learning from The Past To Chart A Better Future

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