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Familien auf der Flucht – wie der DRK-Suchdienst hilft. Eine Bilanz zum internationalen Tag der Vermissten

Statement des DRK-Präsidenten Dr. Rudolf Seiters vor der Bundespressekonferenz am 25. August 2016

Es gilt das gesprochene Wort!

Liebe Frau Maier (Moderatorin),
sehr geehrte Damen und Herren,

nichts hat mich als DRK-Präsident in den vergangenen zwölf Monaten mehr bewegt als das Schicksal der Hunderttausenden von Flüchtlingen, die über das Mittelmeer nach Europa und vor allem nach Deutschland gekommen sind, um hier Schutz vor Krieg und Vertreibung zu suchen.  Es ist das Schicksal von Menschen wie des Syrers Zakaria Z. aus Aleppo, der auf der Flucht nach Deutschland einen Teil seiner Familie für immer verloren hat oder des Afghanen Farhad S., der nach fünf Jahren wieder Kontakt zu seiner Familie in Afghanistan aufnehmen konnte. In den Pressemappen, die vorhin ausgeteilt wurden, finden Sie ausführlich die exemplarischen Geschichten der beiden. Beiden danke ich auch herzlich, dass sie hierher gekommen sind und im Anschluss an die Pressekonferenz im Foyer für Fragen und Interviews zur Verfügung stehen.

Für das Deutsche Rote Kreuz und den DRK-Suchdienst ist der am 30. August bevorstehende internationale Tag der Vermissten Anlass genug, auf das Schicksal dieser Menschen und auf die Herausforderungen, vor denen der DRK-Suchdienst steht, aufmerksam zu machen. Zwar ist die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, in der ersten Hälfte dieses Jahres deutlich zurückgegangen. Doch erwartet  der DRK-Suchdienst in diesem Jahr bei der internationalen Suche eine Rekordzahl an Anfragen. Um Ihnen ein paar konkrete Zahlen zu nennen: Im Jahr 2015 erreichten den DRK-Suchdienst 1.636 neue Suchanfragen  nach Angehörigen, die infolge von Kriegen und bewaffneten Konflikten, Katastrophen oder durch Flucht voneinander  getrennt worden sind und bei denen entweder der Suchende in Deutschland lebt oder der Gesuchte in Deutschland vermutet wird. Das ist eine Steigerung um  64 Prozent gegenüber dem Jahr  2014.

Im ersten Halbjahr 2016 hatten wir bereits 1.401 neue Anfragen zu verzeichnen – bis zum Jahresende erwarten wir insgesamt rund 3.000.  Das ist also eine Steigerung von rund 90 Prozent gegenüber dem Jahr 2015. Dieser Anstieg ist durch eine Art Zeitverzögerung zu erklären. Viele Flüchtlinge stellen die Suchanfragen beim DRK erst dann, wenn sie in Deutschland einigermaßen Fuß fassen konnten oder auf das DRK-Angebot aufmerksam wurden. In fast der Hälfte  aller abgeschlossenen Fälle konnte der DRK-Suchdienst Hilfe leisten: Indem der Kontakt zu Angehörigen und Familien wiederhergestellt werden, das Schicksal der vermissten Personen geklärt werden konnte – oft sind es auch sehr traurige Schicksale, wenn sie an die Tausenden denken, die bei der gefährlichen Überfahrt übers Mittelmeer nach Europa ums Leben gekommen sind. Viele Anfragen betreffen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Im Jahr 2015 gab es hier 345 Suchanfragen, in denen Eltern ihre Kinder oder Minderjährige ihre Angehörigen suchten. Im ersten Halbjahr 2016 waren es bereits knapp 500 Fälle. Also auch hier eine Rekordzahl bei der Suche von und nach Flüchtlingskindern.

Bei der Zahl der Suchanfragen stehen afghanische Familien, die auf der Flucht von ihren Kindern getrennt wurden, an erster Stelle. Aber es sind zum Beispiel auch viele syrische, somalische, eritreische und irakische Flüchtlingsfamilien darunter. Der DRK-Suchdienst übernimmt auch die Beratung der Betroffenen, wenn es um Familienzusammenführung geht.

Durch das Internetportal „Trace-the-face“ und ein passwortgeschütztes Portal für Kinder hat das Rote Kreuz auf internationaler Ebene seine Online-Suche mit Fotos sowohl für erwachsene Flüchtlinge als auch für Kinder in jüngster Zeit deutlich ausgebaut und verbessert. Dazu wird Ihnen meine Mitarbeiterin, Frau Dziwoki, gleich noch einiges sagen können.

Eine große Herausforderung im Rahmen der Suchdiensttätigkeit stellt die Identifizierung der Menschen dar, die auf der Flucht nach Europa ums Leben gekommen sind. Das DRK hat deshalb bei der letzten Konferenz der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung in Genf eine Selbstverpflichtungserklärung auf europäischer Ebene initiiert. Diese zielt darauf ab, die Kooperation und Koordination zwischen dem Suchdienstnetzwerk der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften sowie dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und den in den europäischen Staaten involvierten staatlichen Stellen zu stärken. Es geht darum, Prozeduren und Mechanismen zu entwickeln, damit suchenden Angehörigen über das Schicksal toter Familienmitglieder Auskunft gegeben werden und ihnen geholfen werden kann, die Identifizierung vorzunehmen und später ein Begräbnis ihrer Liebsten zu ermöglichen. Der Bedarf für eine europäische Datenbank nicht identifizierter Toter, wie sie bereits von der deutschen Bundesregierung vor einigen Jahren angestoßen worden ist und aus Kostengründen von der EU nicht umgesetzt wurde, ist heute jedenfalls größer denn je. Wir halten eine solche Datenbank angesichts Tausender toter Flüchtlinge in den vergangenen Jahren auf dem Mittelmeer für dringend erforderlich.

Lassen Sie mich abschließend darauf hinweisen, dass neben der aktuellen Flüchtlingslage die Nachforschungen nach Kriegs- und Zivilgefangenen, nach Wehrmachtsvermissten und Zivilverschleppten des Zweiten Weltkrieges, einschließlich der Insassen der ehemaligen Speziallager in der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise später der DDR, weiterhin eine zentrale Aufgabe des DRK-Suchdienstes sind. Im vergangenen Jahr gab es dazu 11.620 Anfragen, im ersten Halbjahr 2016 waren es 5.018. Auch das sind ganz beachtliche Zahlen. Vor allem die Kinder- und Enkelgeneration ist hier sehr aktiv. Auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende sind immer noch 1,3 Millionen Schicksale aus Anfragen an den DRK-Suchdienst ungeklärt.

Jetzt gebe ich gerne an meinen Mitarbeiter, Herr Reimann, Stellv. Leiter der DRK-Suchdienst-Leitstelle, weiter.

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