Foto: Vier DRK-Ehrenamtliche in Rückansicht beim Public Viewing Brigitte Hiss/DRK
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„Ohne ein starkes Ehrenamt können wir unsere Aufgaben nicht erfüllen“

Im Interview anlässlich des Jahrbuchs 2018 betont DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt unter anderem die wichtige Rolle des Ehrenamts: „Die mehr als 435.000 ehrenamtlich engagierten Menschen in unserem Verband sind ein großer Schatz und eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass wir unsere Aufgaben erfüllen können.“

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Foto: Portrait von DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt Henning Schacht/DRK
Gerda Hasselfeldt: Die frühere Bundesministerin und ehemalige Bundestagsabgeordnete ist seit Dezember 2017 Präsidentin des DRK.
  • Frau Hasselfeldt, welche Eindrücke waren in Ihrem ersten Jahr als DRK-Präsidentin am stärksten?

    Besonders beeindruckt hat mich bei meinen zahlreichen Begegnungen in Landes- und Kreisverbänden die Vielfalt des Deutschen Roten Kreuzes. Das DRK ist nicht nur Rettungsdienst, Blutspendedienst oder humanitäre Hilfe im Ausland, sondern unsere Arbeit reicht von der Kita über Pflegeeinrichtungen und Freiwilligendienste bis hin zu konkreten Hilfsangeboten in den verschiedensten Lebenslagen. Diese große Bandbreite unterscheidet uns von vielen anderen Wohlfahrtsverbänden und Hilfsorganisationen. Begeistert hat mich aber vor allem das starke ehrenamtliche Engagement und die Professionalität der hauptamtlichen Mitarbeiter. Das gilt besonders für die vielen Helfer bei den Bereitschaften, der Bergwacht, der Wasserwacht, der Wohlfahrts- und Sozialarbeit und dem Jugendrotkreuz.

  • Das Ehrenamt haben Sie eben genannt. Was sollte hier verbessert werden?

    Die mehr als 435.000 ehrenamtlich engagierten Menschen in unserem Verband sind ein großer Schatz und eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass wir unsere Aufgaben erfüllen können. Ohne ein starkes Ehrenamt werden wir aber auch die gesellschaftlichen Herausforderungen, die vor uns liegen, nicht lösen können. Deshalb muss die Politik alles tun, um dieses freiwillige Engagement zu unterstützen. In den nächsten Jahren gehen zum Beispiel die geburtenstarken Jahrgänge in die Rente. Darunter sind sehr viele Menschen, die fit sind, viel Zeit und eine hohe Bereitschaft haben, sich ehrenamtlich in unsere Gesellschaft einzubringen. Diesen Menschen müssen auch wir als DRK ein entsprechendes Angebot machen. 

  • Ehrenamt und Freiwilligendienste waren auch im Sommer 2018 ein großes politisches Thema vor allem mit Blick auf die jüngere Generation.

    Es kam der Vorschlag, ein gesellschaftliches Pflichtjahr einzuführen. Wir haben das nicht sofort kategorisch abgelehnt. Zum einen, weil es sich für uns gehört, sich mit politischen Ideen und Ansätzen erst einmal in Ruhe auseinanderzusetzen. Zum anderen, weil wir für jede politische und gesellschaftliche Debatte sind, die dazu dient, das Ehrenamt und das bürgerschaftliche Engagement in Deutschland zu stärken. Mit etwas zeitlichem Abstand plädiere ich deshalb für ein Recht auf einen Platz im Freiwilligendienst, denn wir haben hier als bundesweit größter Anbieter deutlich mehr Bewerberinnen und Bewerber als Plätze. Es geht hier auch um den Einstieg in ein Engagement, das dem Zusammenhalt unserer Gesellschaft dient.

  • Hat die Bundesregierung beim Thema Pflegekräfte im Jahr 2018 nicht einiges in Gang gebracht?

    Das ist richtig. Es gibt die Konzertierte Aktion Pflege, in die sich auch das Deutsche Rote Kreuz als Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege konstruktiv einbringt. Wir vermissen jedoch die unbedingt notwendige Anschubfinanzierung für die Pflegeschulen. Der Bund sieht hier die Länder in der Pflicht. Die Länder verweisen wiederum auf die Verantwortung des Bundes. Der Streit zwischen Bund und Ländern darf jedoch nicht auf dem Rücken der Pflegeschulen ausgetragen werden. Sonst besteht die Gefahr, dass Ausbildungsplätze wegfallen oder Schulen geschlossen werden. Die Situation ist ernst.

    Wenn nicht genügend Pflegeschüler ausgebildet werden können, werden wir den Fachkräftemangel nicht in den Griff bekommen. Das aber geht eindeutig zu Lasten der Patienten. Außerdem müssen die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte insgesamt weiter verbessert werden. Wir müssen aber auch alle dafür sorgen, dass die gesellschaftliche Anerkennung für die Pflegeberufe wächst. Ich warne ausdrücklich davor, diesen Beruf schlecht zu reden. Es ist ein sehr schöner und erfüllender Beruf, der den Menschen, die ihn mit großem Engagement ausüben, im Alltag viel zurückgibt.

  • Warum kommen wir bei der Digitalisierung nicht besser voran?

    Bei der Digitalisierung wird die Privatwirtschaft vom Staat weitaus stärker unterstützt als der Sozial- und Wohlfahrtsbereich. Unsere sozialen Einrichtungen und Dienste leisten einen wichtigen Beitrag, damit die deutsche Wirtschaft insgesamt erfolgreich sein kann. Ohne Kindertagesbetreuung, Pflege und ohne soziale Arbeit insgesamt ist unser Erfolg nicht denkbar. Deswegen ist es nicht nachvollziehbar, dass gerade hier seitens des Bundes so wenig in den digitalen Wandel investiert wird. Die Politik muss bereit sein, dem Sozial- und Wohlfahrtsbereich mehr Ressourcen für die Digitalisierung in Form von langfristig angelegten Programmen zur Verfügung zu stellen.

  • Liegt die Verantwortung hier nur bei der Politik?

    Nein, auch im DRK muss das Bewusstsein für die Möglichkeiten der Digitalisierung im Sozialen und im Gesundheitswesen geschärft werden. Etwa durch den Einsatz von Tele-Notärzten in der Erstversorgung, durch technische Assistenzsysteme, digitale Pflegedokumentation oder die Schaffung digitaler Lernwelten für Senioren. Auch im Kita-Bereich und in der Jugendarbeit ist Digitalisierung ein zentrales Thema. Die vielfältigen Beratungs- und Unterstützungsangebote zum Beispiel für Familien und Migranten müssen neu aufgestellt werden. Um die Digitalisierung im Sozialbereich voranzubringen, müssen wir außerdem bei den Mitarbeitern ansetzen, die Zeit, Know-how und die entsprechende technische Ausstattung brauchen.

  • Wie gut ist Deutschland beim Bevölkerungsschutz aufgestellt?

    Beim nationalen Krisenmanagement haben wir erhebliche Defizite. Es ist notwendig, sich auf Katastrophen wie große Unwetter und Pandemien oder auf Cyberangriffe auf unsere Strom- und Wasserversorgung besser vorzubereiten. Denn die Gefahr, dass wir in Deutschland in Zukunft verstärkt mit solchen Krisensituationen zu tun haben, steigt. Das gemeinsame Konzept des DRK und der anderen anerkannten Hilfsorganisationen zur besseren Vorbereitung auf solche Fälle wurde der Bundesregierung vorgelegt. Es sieht eine Bundesvorhaltung zum Beispiel an Großzelten, Feldbetten und Hygieneartikeln an zehn verschiedenen Standorten in Deutschland vor. Wir unternehmen alles, damit das Projekt dann hoffentlich im Bundeshaushalt 2020 Berücksichtigung findet.

  • Was ist Ihnen bei der Auslandsarbeit des DRK besonders wichtig?

    Neben der unmittelbaren humanitären Nothilfe, die wir derzeit unter anderem im Jemen, in Syrien oder in den Flüchtlingslagern in Bangladesch leisten, hat mich insbesondere unser innovatives Konzept der vorausschauenden Katastrophenhilfe beeindruckt. Mit der vorhersagebasierten Finanzierung führt das DRK die internationale Katastrophenhilfe in ein neues Zeitalter: weg von der reinen Reaktion, hin zu vorausschauendem Handeln und damit in vielen Fällen zur Vermeidung von größeren Schäden und menschlichem Leid. Bessere Vorhersagen von Extremwetterereignissen machen genauere Katastrophenvorhersagen möglich. Dadurch können rechtzeitig entsprechende Präventionsmaßnahmen ergriffen werden.

  • Wie funktioniert das in der Praxis?

    Konkret geht es darum, dass die Bevölkerung zum Beispiel bei Überschwemmungen frühzeitig gewarnt wird und bedürftige Haushalte etwa mit Bargeld unterstützt werden, damit sich die Familien mit Hab und Gut in Sicherheit bringen können. Dieses Konzept, das das DRK zusammen mit dem Auswärtigen Amt entwickelt hat, wird bisher erfolgreich in acht Ländern erprobt: in Peru, Bangladesch, Vietnam, Mosambik, Togo, Uganda, auf den Philippinen und in Ecuador. Im Jahr 2019 kommen Tadschikistan und Kirgistan hinzu. Es ist weltweit einmalig.

Dieses Interview ist im DRK-Jahrbuch 2018 erschienen.

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