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„Ich höre oft unvorstellbare Schicksale"

Als Kommunikations-Delegierte beim DRK besucht Oana Bara Projekte im Libanon und in den Nachbarländern, um dort mit Menschen zu sprechen, die Hilfe benötigen. Im Interview berichtet sie über ihre Arbeit.

Flüchtlingskind
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Foto: DRK-Mitarbeiterin mit syrischen Flüchtlingskindern im Libanon Oana Bara/DRK
Oana Bara mit syrischen Flüchtlingskindern im Libanon. Bevor sie DRK-Mitarbeiterin wurde, war sie beim Schweizerischen Roten Kreuz tätig.
  • Frau Bara, was ist Ihre Aufgabe?

    Ich bin die Kommunikations-Delegierte des Deutschen Roten Kreuzes im Libanon. Dabei koordiniere ich Presseanfragen rund um die Projektregion Nahost und Nordafrika und berichte in Text und Bild von der Arbeit des DRK in den verschiedenen Bereichen. Regelmäßig besuche ich vom Libanon aus Projekte und Hilfsempfänger des Roten Kreuzes in den Nachbarländern.

  • Was ist Ihre Qualifikation bzw. Ausbildung?

    Ich habe einen Bachelor in Kommunikationswissenschaften (Universität Luzern) und einen Master in Public Policy (Politische Konfliktresolution, Tel Aviv University, Israel/Palästina). Seit meinem Studium habe ich in Marketing, Kommunikation und Fundraising gearbeitet. Dies im privaten wie auch im öffentlichen Sektor. Mein Fokus liegt dabei auf digitaler Kommunikation und Fundraising, sowie strategische Kommunikationsplanung.

  • Was motiviert Sie, im Bereich der humanitären Hilfe zu arbeiten?

    Schon als Jugendliche habe ich mich stark mit humanitären Werten, verschiedenen Kulturen und Migration auseinandergesetzt. Ich bin gebürtige Rumänin und mit meiner Familie bereits einige Jahre vor der Revolution 1989 nach Deutschland immigriert. So versetzt man sich zwangsweise in die Situation eines Flüchtenden, oder ist zumindest stark sensibilisiert für die individuellen Geschichten. Deshalb ist es sehr wichtig für mich, mich auf meine eigene Art und Weise und auf professioneller Ebene mit humanitären Werten zu beschäftigen. Das Rote Kreuz habe ich dabei bewusst als Arbeitgeber ausgewählt. Die Werte der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung und dessen Arbeit, welche auf den Genfer Konventionen basiert, gibt der Organisation eine gewisse Glaubwürdigkeit und ermöglicht die Arbeit in Gebieten mit sehr schwierigem Zugang. Das sind Rahmenbedingungen, mit denen ich mich voll und ganz identifizieren kann.

  • Gibt es einen besonderen Grund, in einer Region wie dem Nahen Osten zu arbeiten?

    Das DRK hat sehr starke Programme im Nahen Osten. Ob im Jemen, Irak oder Palästina, in Ägypten, im Libanon, der Türkei oder Syrien, unsere Projekte haben einen grossen Schwerpunkt in der Auslandsarbeit des DRK. Wir setzen uns für Flüchtende und die betroffene Bevölkerung vor Ort ein und versorgen diese mit Hygieneartikeln, wie im Libanon, oder mit Medizin, Lebensmitteln und Wasser, wie im Jemen. Besonders spannend sind die Bargeldprojekte, die wir in verschiedenen Ländern in der Region, beispielsweise im Irak, durchführen. Diese regelmäßigen Bargeld-Auszahlungen geben den betroffenen Menschen die Möglichkeit, das zu besorgen, was sie wirklich brauchen. Gleichzeitig gibt ihnen die Freiheit, aussuchen zu können, ein Stück Würde und Autonomie zurück.

    Wichtig ist hierbei, dass wir in unseren Projekten immer auch die aufnehmenden Gemeinden stärken und unterstützen. Im Libanon ist das ein großer Teil unserer Arbeit. Das Land war bereits vor der immensen Flüchtlingswelle seit beginn der Syrienkrise stark geprägt vom Bürgerkrieg und hatte bereits eine in vielerlei Hinsicht problematische Infrastruktur. Unsere Programme zielen deshalb darauf ab, die Gemeinden zu stärken, in denen viele Flüchtende leben, gleichzeitig das Libanesiche Rote Kreuz zu unterstützen - und ebenfalls zu stärken - und, wie bereits beschrieben, den Flüchtenden mit direkten Massnahmen zu helfen. Das ist ein ganzheitlicher Ansatz, der meiner Meinung nach, sehr wirksam ist und sich bereits bewährt hat, wie man hier im Libanon sehen kann. Verschiedene Gemeinden im ganzen Land profitieren von einem starken Libanesischen Roten Kreuz und können dank unserer Programme auf sicherere Schulen und eine bessere Versorgung im Notfall durch die Blutbank zählen.

  • Haben Sie in bestimmten Situationen auch manchmal Angst?

    Ich persönlich hatte glücklicherweise noch keine Situation, in der ich wirklich um mein Leben fürchten musste. Ich weiss aber von Kollegen, die konstant in schwierigen Situationen arbeiten, wie beispielsweise unsere Delegierten im Jemen. Da geht es schon anders zu. Seit 2015 sind 10 Freiwillige des Jemenitischen Roten Halbmondes ums Leben gekommen. Ihr Einsatz für die stark betroffene Bevölkerung ist unersetzlich. Wir unterstützen dabei unsere Schwestergesellschaft und stellen Geld und Medikamente zur Verfügung, auch Ausrüstung für die Notfallversorgung von Dialyse- und Diabetespatienten oder hochschwangeren Frauen wird von uns, dank der Hilfe unserer Spender und Spenderinnen an den Roten Halbmond geliefert.

    Wir vertrauen voll uns ganz auf die Sicherheitsbestimmungen der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung, allerdings bringt der Job im öffentlichen Sektor in Krisengebieten immer ein Risiko mit sich, welches man bewusst eingeht - nicht zuletzt, um seinen Job machen zu können.

  • Erinnern Sie sich an einen Fall, der Ihnen besonders am Herzen liegt oder Sie sehr beeindruckt hat?

    Da gibt es viele. Vor allem wenn man betroffene Kinder sieht, geht das einem schnell ans Herz. Ein großer Teil meiner Arbeit ist das Erzählen der Geschichten von betroffenen Menschen. In den interviews, die ich mit ihnen führe, höre ich oft zu, wie unvorstellbare Schicksale geschildert werden. Nichtsdestotrotz habe ich viele Situationen erlebt, in denen ich vor allem Bewunderung für die Menschen habe. In meinem Einsatz im Süden Deutschlands 2015, in einem der DRK-Auffanglager für Geflüchtete, gab es viele Menschen, deren Geschichten mich tief beeindruckt haben. Das sind Menschen, die alles verloren haben und ihr Leben aufs Spiel setzen, um sich und ihren Familien ein besseres, sichereres Leben zu ermöglichen. Auch hier im Libanon begegne ich oft Situationen, die schwierig zu Verdauen sind. Der Winter hat begonnen und die Temperaturen können in vielen Regionen auf unter Null fallen. Das stellt die mehrheitlich in Zelten lebenden Geflüchteten vor große Herausforderungen. Es werden Heizöfen benötigt und oft fehlt es an allem.

  • Was sind erfahrungsgemäß die schlimmsten Probleme, welche die Flüchtenden und die angestammte Bevölkerung in der Region zu bewältigen haben?

    Da in vielen Ländern die Krisen bereits sehr lange andauern, ist es vor allem der psychische Zustand der Menschen, der uns Sorge bereitet. Viele Kinder können jahrelang nicht zur Schule gehen und die Flüchtenden wollen einfach nur wieder nach Hause und sich ein normales und sicheres Leben aufbauen. Viele haben ihre Familien seit Jahren nicht mehr gesehen. Das wirkt sich enorm auf die Resilienz eines Menschen aus.

    Zusätzlich ist weiterhin die Versorgung ein großes Problem. Wasser, Essen, Kochzubehör, Kleider, Hygieneartikel und Behausungen sind nach wie vor die dringensten Bedürfnisse der Flüchtenden. Je nach Region werden diese im Winter noch intensiver. Die vor allem in Zelten und Notunterkünften lebenden Menschen benötigen Heizmaterial und Heizöfen, sowie warme Kleidung und Decken. Im Sommer müssen sie mit wenig Mitteln mit unglaublicher Hitze klarkommen.

    Gleichzeitig sind die aufnehmenden Gemeinden ebenfalls stark betroffen. Gerade in Ländern, wie dem Libanon oder Irak, ist die Bevölkerung bereits vor der Ankunft einer sehr hohen Zahl von Flüchtenden in einer schwierigen Situation. Neben regelmäßigen Naturkatastrophen ist auch die lokale Infrastruktur schwierig. Wassermangel und medizinische Versorgung sind nur zwei Beispiele von vielen. Hier arbeiten wir intensiv an der Stärkung der Gemeinden, indem wir zum einen die lokalen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften in ihren Programmen unterstützen und zum anderen beliefern wir diese mit verschiedensten Hilfsgütern und Bargeld, die an Bedürftige weiterverteilt werden.

  • Wie kommen Sie damit klar, so viele notleidende Menschen zu sehen? Was macht Ihnen Mut? Warum geben Sie nicht auf?

    Es gibt durchaus Momente, die einem sehr nahe gehen und in denen man sich hilflos fühlt. Gerade im Jemen, wo die Zahl der von Hunger und Krankheit Betroffenen unglaublich groß ist, wird einem anders. Eine politische Lösung scheint nicht in Sicht zu sein und wir müssen den Zugang unserer Helfer und Hilfsgüter jeden Tag wieder aufs Neue verhandeln. Uns motiviert aber, dass unsere jemenitischen Kollegen sowie die Kollegen in unseren Programmländern, die ja viel stärker selbst betroffen sind und ihr Leben riskieren, immer wieder die Energie finden, weiterzumachen.

    Den Mut verlieren sollte man aber nicht, denn wir sind in einem Beruf, in dem man glücklicherweise viel bewirken kann. Für mich persönlich ist es wichtig, die Geschichten der Betroffenen zu erzählen und ihnen so eine Stimme zu geben. Oftmals kann man sich zu Hause in Deutschland nicht vorstellen, wie es tagtäglich in einem krisengebeutelten Gebiet wie beispielweise im Jemen, in Syrien oder im Irak zugeht. Es motiviert mich sehr, zu wissen, dass meine Arbeit den Menschen in Europa ein Bild gibt, wie die Lebensbedingungen in der Region sind und was wir als Hilfsorganisation machen, um die Situation zu verbessern. Auch ist es wichtig den Menschen, die das DRK unterstützen, zu zeigen, was mit ihren Spenden passiert. Wir können so unsere Bedürfnisse aber auch unsere Erfolge mit der Öffentlichkeit teilen.

  • Welchen Ausgleich haben Sie, woher nehmen Sie die Kraft, um Ihre Arbeit leisten zu können?

    Wie viele Menschen in anderen Berufen nehme ich mir Zeit für mich und habe einen Ausgleich durch Freunde und Familie. Ich denke, es ist wichtig, zu versuchen, die gleiche Routine beizubehalten, die man aus seinem ganz normalen Alltag kennt. Sport und gutes Essen sind da immer eine gute Idee. Je nach Einsatzort ist das nicht immer möglich, allerdings kann man immer auf seine Kollegen zählen, die in der gleichen Situation sind und einen unterstützen.

  • Wie schätzen Sie die Zukunft der Flüchtenden ein? Was brauchen Sie, um den Betroffenen weiter helfen zu können?

    Eine Einschätzung über die Zukunft ist sehr schwierig zu treffen. Wir hoffen natürlich, dass die Menschen wieder in ihr Heimatland zurückkehren können und sich ein sicheres Leben aufbauen können. Sicher ist, dass die Geflüchteten und Heimatvertriebenen weiterhin unsere Unterstützung brauchen. Die langanhaltenden Krisen und die tendenziell weniger werdende Finanzierung unserer Geldgeber macht dies allerdings immer schwieriger. Zusätzlich zielen wir darauf ab, langfristige Maßnahmen durchführen zu können und somit weiterhin die dringendste Versorgung der betroffenen Bevölkerung in all unseren Programmländern sicherzustellen.

Frau mit Kind

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