DRK-Mitarbeiterin mit Kindern in Flüchtlingscamp
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Ein Jahr Flüchtlingskrise Bangladesch: Interview mit Asien-Expertin Marina Hovannesjan

„Kleine Zeichen von Lebensfreude“

Seit August 2017 entstanden mehrere Flüchtlingscamps im Südosten von Bangladesch, im Distrikt Cox‘s Bazar. Ein Jahr später leben hier bereits über 900.000 Menschen, zumeist Rohingyas, die aus dem benachbarten Myanmar geflohen sind. Das sogenannte Megacamp Kutupalong auf einer Fläche von 25 km² hat mit über 600.000 Menschen in etwa die Einwohnerzahl von Stuttgart mit circa 200 km². Marina Hovannesjan, Sachgebietsleiterin Asien im DRK-Generalsekretariat, war kürzlich vor Ort und konnte sich ein Bild von der Lebenssituation in den Camps, der bereits geleisteten und weiterhin benötigten Hilfe machen.

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Wie kann man sich ein solch riesiges Camp vorstellen?

Ist man erst mal im Camp angekommen, scheinen die Notunterkünfte bis zum Horizont zu reichen. Dicht an dicht drängen sich Hütten aus Bambus oder Palmenblättern. Sie haben Lehmböden, sind ohne direkte Energie- und Wasserversorgung. Großfamilien schlafen in einem Raum. Dazwischen gibt es zentrale Wasserstellen und Latrinen, Krankenhäuser und Gesundheitsposten in Zelten. Vereinzelt findet man Gemeinschaftshütten, in denen vor allem für Kinder, Frauen und Familien Bildungsmaßnahmen angeboten werden. Sogar kleine Ladenstraßen sind entstanden, in denen - von lebendigen Hühnern bis hin zum Shampoo - Waren des täglichen Bedarfs angeboten werden. Ganz neu ist eine über 10 km lange befahrbare, von Bewohner des Camps teilweise gepflasterte Straße mitten durch das Mega-Camp, die nun für einen besseren Zugang sorgt und auch die Arbeit des DRK vor Ort erleichtert.

Wie ist die Lebenssituation der Menschen in dem Camp?

Die Lebenssituation der Menschen bleibt trotz der enormen Anstrengungen der Regierung Bangladeschs, nationaler und internationaler Hilfsorganisationen, der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung sowie der UN weiter besorgniserregend, und zwar sowohl für die Geflüchteten aus Rakhine als auch für die aufnehmenden Gastgemeinden in den Sub-Distrikten Teknaf und Ukhiya, die bereits vor der Flüchtlingskrise zu den ärmsten in Bangladesch gehörten. Allein in Ukhiya kommen auf rund 241.000 Einheimische nun rund 725.000 Flüchtlinge. Das wäre von den Relationen her so, wenn Bonn alle Kölner als Flüchtlinge aufnehmen würde.

Welche Hilfsprojekte führt das DRK momentan aus?

Die Kolleginnen und Kollegen des DRK engagieren sich weiter gemeinsam mit dem Bangladeschischen Roten Halbmond in der Nothilfe, d. h. im Wasser- und Sanitärbereich, der Verteilung von Hilfsgütern und der medizinischen Grundversorgung –  begleitet durch Informations- und Aufklärungsangebote. Das, was wir bereits aufgebaut haben, stabilisieren und erweitern wir. Gelagertes Material zeigt in dem feuchtheißen Klima schnell Schimmelspuren. Starke Regenfälle und Stürme bringen die Sandhügel ins Rutschen und stellen eine Gefahr dar. An diesen Problemen arbeiten alle täglich. 

Welche Hilfe konnte das DRK im vergangenen Jahr leisten?

Seit August letzten Jahres ging es primär darum, für die schnell wachsende Zahl der Geflüchteten aus Myanmar ein – wenn auch nur temporäres – Dach über dem Kopf zu schaffen, Hunger und Durst zu stillen, medizinische Nothilfe zu leisten, Latrinen zu bauen und den Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen, für das man hier 300 m tief bohren muss. Es ging um das nackte Überleben. Dank der Anstrengungen tausender lokaler und hunderter internationaler Helfer leben die Geflüchteten heute - im Vergleich zum Sommer 2017 - in relativer Sicherheit.

Wie verläuft die tägliche Arbeit des DRK vor Ort?

In Cox’s Bazar arbeiten derzeit sechs DRK-Experten mit Wissen in Logistik, Bau von Notunterkünften, Wasser- und Abwasserversorgung, Gesundheit, Administration und Finanzen. Unterstützt werden sie durch 18 lokale Kollegen aus Bangladesch. Das DRK-Projektbüro liegt in der Küstenstadt Cox’s Bazar, am Golf von Bengalen. Von dort aus fahren die Helfer täglich zwei Stunden mit dem Auto, dann geht es weiter zu Fuß, häufig mit Material auf dem Rücken, mitunter etliche Kilometer am Tag in brütender Hitze oder bei strömendem Regen. Alle Aktivitäten der Hilfsorganisationen werden aus Sicherheitsgründen bei Tageslicht umgesetzt, so dass alle vor Einbruch der Dunkelheit zurück in der Stadt sein müssen.

In welchen Bereichen sehen Sie Verbesserungen?

Hoffnungsfroh stimmt, dass bei vielen Arbeiten die geflüchteten Menschen und die Anwohner der umliegenden Gemeinden zusammen aktiv tätig sind. Obwohl die Sprache Unterschiede aufweist, kann man sich verständigen. Optimistisch machen auch kleine Zeichen von Lebensfreude, wie die unter einem Hüttendach auf eine Schnur aufgereihte Kette von abgeschnittenen Plastikflaschen mit Erde befüllt und kleinen Pflanzen darin. Oder Kinder, die übermütig an den neuen Wasserstellen spielen. Eine DRK-Mitarbeiterin erzählte mir, dass sie erst nach ihrem mehrmonatigen Einsatz bemerkte, wie viel doch bewegt und gemeinsam geschafft wurde.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

Geflüchtete sagen in Gruppendiskussionen immer wieder, dass sie am liebsten zurück ins nördliche Rakhine nach Myanmar wollen. Aber nur, wenn es sicher ist. Verträge, die von UN-Agenturen und den Regierungen von Bangladesch und Myanmar zur sicheren Rückführung der Flüchtlinge unterzeichnet wurden, konnten bisher nicht in die Tat umgesetzt werden. Beamte der Flüchtlingskoordinierungsbehörde in Cox’s Bazar sagen jedoch sehr klar, dass die humanitäre Hilfe angesichts der mangelnden Zukunftssicherheit jetzt langfristige Maßnahmen verfolgen muss, welche die Bedürfnisse der lokalen Aufnahmegemeinden mit einschließt.

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Gibt es schon konkrete Ansätze für längerfristige Hilfsmaßnahmen?

Die Leiter der Büros von UN, NGOs und der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung in Cox's Bazar arbeiten derzeit an einem entsprechenden Plan, der die Bedürfnisse von Vertriebenen und Aufnahmegemeinden berücksichtigen soll. Hierbei geht es vor allem um die Gewährleistung von Sicherheit für alle schutzbedürftigen Menschen, um die Förderung des sozialen Zusammenhalts und dauerhafte Löungen. Auch das DRK ist in diese Diskussionen eingebunden und stellt seine Arbeit in Cox's Bazar von der Nothilfe auf die Übergangshilfe um.

Ein gutes Beispiel für nachhaltige Hilfe ist ein Katastrophenvorsorge-Projekt, das gemeinsam mit den lokalen Zweigstellen des Bangladeschischen Roten Halbmondes, Geflüchteten aus Myanmar und Freiwilligen aus den Gastgemeinden begonnen wurde, denn der Distrikt Cox's Bazar wird immer wieder von heftigen Überschwemmungen und Sturmfluten heimgesucht, die alle gleichermaßen betreffen.

Für unsere längerfristige Arbeit in Cox's Bazar sind wir weiterhin auf Spenden angewiesen.
Hierfür bitten wir um Ihr Engagement!
Sachgebietsleiterin Asien, Marina Hovannesjan

Zur Person 

Marina Hovannesjan arbeitet seit 1993 beim Deutschen Roten Kreuz. Seit 2001 ist sie im DRK-Generalsekretariat im Bereich der Auslandshilfe tätig und war u. a. in Vietnam im Einsatz. Seit Februar 2018 leitet sie das Sachgebiet Asien im Team Internationale Zusammenarbeit.

 

 

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