Foto: Portrait einer Ehrenamtlichen des DRK auf der Berliner Fußballfan-Meile Gero Breloer / DRK

Interview mit Gerda Hasselfeldt: Ehrenamt ist ein zentrales Element der Gesellschaft

Mit Gerda Hasselfeldt steht erstmals eine Frau an der Spitze des Deutschen Roten Kreuzes. Seit Dezember 2017 ist sie Präsidentin. Im Interview definiert die frühere Bundesministerin ihre Visionen, Ziele und Ansprüche.

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Foto: Portrait von Gerda Hasselfeldt im Gespräch Henning Schacht/DRK
Gerda Hasselfeldt ist studierte Volkswirtin und war Bundesministerin in verschiedenen Ressorts. Ihre Erfahrungen und ihr Netzwerk stellt sie nun dem DRK zur Verfügung.
  • Was hat Sie gereizt, nach so vielen Jahren in der Politik die Rolle der DRK-Präsidentin zu übernehmen?

    Ich habe dieses Amt nicht angestrebt. Aber als ich im Sommer vergangenen Jahres darum gebeten wurde, meine Erfahrungen und Kontakte in eine ehrenamtliche Tätigkeit einzubringen, war der Reiz für mich dann doch sehr groß. Denn auch in der Politik habe ich die Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes immer gefördert und den vielfältigen Einsatz der ehrenamtlichen Helfer unterstützt. Es ist eine unheimlich wichtige Arbeit für unsere gesamte Gesellschaft, für Menschen in Not im Inland wie im Ausland. Außerdem bin ich dem Deutschen Roten Kreuz schon seit Jahren als Fördermitglied eng verbunden.

  • Das DRK besteht aus dem Generalsekretariat, 19 Landesverbänden und dem Verband der Schwesternschaften sowie fast 500 Kreisverbänden und mehr als 4.300 Ortsvereinen. Werden Sie jetzt die große Deutschland-Tour starten?

    Ich bin bereits seit Wochen sehr viel in ganz Deutschland unterwegs, um unsere Landes- und Kreisverbände und die vielen Ehrenamtlichen vor Ort näher kennenzulernen. Die föderale Struktur des Deutschen Roten Kreuzes ist eine unserer großen und zentralen Stärken. Gerade auch durch die vielen Kreisverbände und Ortsvereine sind wir vor Ort fest in der Bevölkerung verwurzelt. Wir können dadurch genau dort für die Menschen aktiv Hilfe leisten, wo sie auch gebraucht wird. Gleichzeitig sind wir über das Generalsekretariat auf der bundesweiten Ebene präsent und werden über die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung unserem Anspruch gerecht, weltumfassend humanitär zu agieren. In 191 Ländern der Erde gibt es eine Nationale Rotkreuz- oder Rothalbmond-Gesellschaft. Einerseits diese lokale Verankerung vor Ort, andererseits die Einbindung in ein starkes internationales humanitäres Netzwerk – das macht die Einzigartigkeit und besondere Stellung des Deutschen Roten Kreuzes aus.

  • Was wollen Sie bewegen im neuen Amt?

    Mir liegt sehr viel daran, das Ehrenamt weiter gezielt zu fördern und zu stärken. Es ist ein zentrales Fundament unserer Gesellschaft. Allein im Deutschen Roten Kreuz haben wir drei Millionen Fördermitglieder, die Zahl der Ehrenamtlichen ist erfreulicherweise seit 2010 von 395.000 auf 425.000 gewachsen – der demografischen Entwicklung zum Trotz. Das gute Miteinander von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen ist dabei eine Besonderheit und Stärke in unserem Deutschen Roten Kreuz.

  • Bei welchen Bevölkerungsgruppen sehen Sie noch Potenzial für das Ehrenamt?

    Das Wichtigste ist, immer wieder die Jugend zu begeistern. Wer in jungen Jahren erfährt, dass Helfen Freude und Spaß macht, dass man dabei Freunde, Wertschätzung und Anerkennung findet und eine ganze Menge noch dazu lernt, der findet als Erwachsener oft wieder zu einem solchen Engagement zurück. Ein großes Potenzial sehe ich außerdem bei der älteren Generation, aber auch bei Menschen mit Migrationshintergrund. Insbesondere bei der großen und zentralen Aufgabe der Integration brauchen wir deren Hilfe und aktive Beteiligung.

  • Wie gut sind die DRK-Freiwilligendienste aufgestellt?

    Wir sind nach wie vor größter Anbieter im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) und auch im Bundesfreiwilligendienst (BFD) gut dabei. Da es noch immer mehr Bewerber als Plätze gibt, müssen diese vom Bund bedarfsgerecht aufgestockt werden. Dabei dürfen wir die Qualität der pädagogischen Betreuung nicht vernachlässigen. Zudem läuft der BFD mit Flüchtlingsbezug Ende des Jahres 2018 aus. Dieses Sonderprogramm sollte ab 2019 in die regulären Freiwilligendienste FSJ und BFD überführt werden. Mit diesen Mitteln könnten wir Geflüchtete und andere benachteiligte Zielgruppen noch besser in die Freiwilligendienste integrieren. Das sollte die neue Bundesregierung zügig angehen.

Foto: DRK-Pflegerin hält einen Arm um eine Seniorin - beide lächeln. Andre Zelck/DRK
Gesellschaftliche Anerkennung: „Für den Pflegeberuf ist eine umfassende und nachhaltige Strategie gegen den Personalmangel notwendig. Die Attraktivität und die gesellschaftliche Akzeptanz müssen gesteigert werden.“, sagt DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt.
  • Wo sehen Sie weitere große Herausforderungen?

    Wir haben weltweit eine Zunahme an Katastrophen, zwei Drittel davon hängen mit dem Klimawandel zusammen. Auch in Europa und Deutschland müssen wir uns stärker auf Extremwetterereignisse wie Starkregen, Überschwemmungen oder Hitzewellen einstellen. Die Bedrohung durch Terror oder Cyberangriffe auf unsere Infrastruktur nimmt ebenfalls zu. Der Ausbruch von Ebola in Westafrika hat gezeigt, dass die Vorbereitungen auf epidemiologische und pandemische Lagen auch in Deutschland verbesserungswürdig sind. Der Bevölkerungsschutz in Deutschland muss hier ganz neu aufgestellt werden.

    Außerdem müssen wir uns den Herausforderungen durch den demografischen Wandel stellen. Es gibt zum Beispiel im Rettungsdienst, in den Kitas und in der Pflege einen massiven Mangel an Fachpersonal und einen intensiven Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter. Es geht aber auch um eine Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung für die Bevölkerung im ländlichen Raum. Hier müssen wir als Deutsches Rotes Kreuz gesamtverbandliche Antworten finden.

  • Welche Maßnahmen sehen Sie als notwendig an gegen den Fachkräftemangel in der stationären Langzeitpflege und in der Krankenhauspflege?

    Wir müssen aufpassen, dass wir die Pflege nicht schlecht reden. Es ist nicht nur eine anstrengende, sondern auch eine erfüllende Tätigkeit. Notwendig ist eine umfassende und nachhaltige Strategie gegen den Personalmangel. Es gilt, die Attraktivität des Pflegeberufes und die gesellschaftliche Akzeptanz – insbesondere auch im Bereich der Altenpflege – zu steigern. Gute Rahmenbedingungen wie angemessenes Entgelt, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch Qualifizierungsmöglichkeiten und Karrierechancen sind hierbei wichtige Faktoren. Diese Prozesse werde ich begleiten und unterstützen.

  • Wie wichtig sind die DRK-Blutspendedienste?

    Was unsere DRK-Blutspendedienste mit Hilfe von Hundertausenden freiwilligen Blutspendern leisten, ist beeindruckend. An sieben Tagen pro Woche stellen sie rund um die Uhr flächendeckend die Blutversorgung in ganz Deutschland sicher. Ohne unsere DRK-Blutspendedienste wäre die Blutversorgung als Teil der Daseinsvorsorge in Deutschland nicht möglich. Damit wird gewährleistet, dass jeder, wirklich jeder Mensch in Deutschland Zugang zu einer sicheren und umfassenden Blutversorgung erhält. Unsere DRK-Blutspendedienste stellen somit die nationale Blutreserve auch für besondere Lagen dar und versorgen auch Teile unserer Streitkräfte mit Blut.

  • Wie bewerten Sie die internationale Flüchtlingsbewegung?

    Noch nie seit Ende des Zweiten Weltkrieges waren weltweit mehr Menschen auf der Flucht vor Gewalt als derzeit. Die Menschen überqueren als Flüchtlinge internationale Grenzen oder sind in ihrem Heimatland vertrieben. Von den mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht suchen zwei Drittel – also etwa 43 Millionen – innerhalb ihres eigenen Staates Schutz vor Gewalt und Verfolgung als sogenannte Binnenvertriebene. Diese Menschen stehen leider selten im Fokus; umso mehr haben wir als Rotes Kreuz hier eine besondere Verpflichtung, aber auch häufig einen Zugang, den sonst niemand hat. Besonders schlimm: Mehr als die Hälfte der Menschen auf der Flucht sind Kinder unter 18 Jahren. Die Gründe für Flucht und Vertreibung sind oft Armut und Krieg. Aber auch die Fluchtbewegungen als Folge von Katastrophen nehmen zu, häufig aufgrund des Klimawandels. Diese Aspekte werden wir in unserer internationalen Arbeit verstärkt berücksichtigen.

Dieses Interview ist im DRK-Jahrbuch 2017 erschienen.

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