Foto: zwei Rothalbmondhelfer auf einer Sandstraße im Jemen Yahya Arhab/IFRK
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Jemen: Interview mit Programmkoordinatorin Franziska Kellerhaus

„… unvorstellbar, was die Helfer leisten“

Konflikt und Vertreibung, Hunger, Armut und fehlende Grundversorgung: Im Jemen herrscht derzeit große Not. Als Regionale Programmkoordinatorin MENA (Jemen, Palästina und Nordafrika) im libanesischen Beirut koordiniert Franziska Kellerhaus die DRK-Hilfe vor Ort. Im Interview gibt sie Einblick in ihre Arbeit. Neben Herausforderungen und Erfolgen verrät sie Dinge, die sie bewegen und motivieren.

Für 150 € können wir einer Familie Grundnahrungsmittel für einen Monat bereitstellen.

Wie sieht Deine Arbeit aus?

Aus dem DRK-Regionalbüro in Beirut unterstütze ich das Team im Jemen und koordiniere die regionale Projektarbeit mit anderen Partnern der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung, die dort wie wir humanitäre Hilfe leisten. Wir arbeiten seit zehn Jahren im Land und beteiligen uns derzeit zum Beispiel mit Nahrungsmitteln, Trinkwasser, Medikamenten und anderen Hilfsgütern an der Nothilfe für die Bevölkerung. Darüber hinaus fördern wir medizinische Einrichtungen, in denen insbesondere werdende Mütter und Kinder Hilfe erhalten. Mit unserer Arbeit tragen wir gleichzeitig dazu bei, unsere Partnerorganisation, den Jemenitischen Roten Halbmond (JRH), zu stärken, um sich als Organisation weiterzuentwickeln.

Foto: DRK- und JRH-Mitarbeiter und Kinder im Jemen JRH/DRK
Programmkoodinatorin Franziska Kellerhaus beim Projektbesuch im Jemen. Bevor sie 2017 nach Beirut ging, kümmerte sie sich als Projektreferentin im DRK-Generalsekretariat in Berlin um die humanitäre Hilfe für Betroffene der Syrienkrise.

Wie war und ist jetzt die Situation vor Ort aus Deiner Sicht?

Die Situation im Jemen ist katastrophal und hat sich seit Beginn des Konflikts 2015 stetig verschlechtert. Wir sprechen mittlerweile von der schlimmsten humanitären Katastrophe weltweit. Von 29,3 Millionen Menschen sind 22,2 Millionen – also drei von vier Menschen – auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Besonders stark betroffen ist der Gesundheitsbereich. Weniger als die Hälfte aller Gesundheitseinrichtungen ist überhaupt noch betriebsbereit, viele davon müssen mit einem absoluten Minimum an Medikamenten, Geräten, medizinischen Verbrauchsmaterialien und Personal auskommen. Selbst einfache Verletzungen und Krankheiten bleiben oft unbehandelt und führen viel zu oft zum Tod. Besonders leiden die Menschen mit chronischen Krankheiten, weil Behandlungen wie beispielsweise eine Dialyse nicht mehr durch den Staat sichergestellt werden können. Seit April 2017 sind überdies mehr als eine Million Menschen an Cholera erkrankt, über 2.000 Personen sind daran bereits gestorben. Das ist unfassbar, wenn man sich überlegt, wie einfach diese Krankheit unter anderen Umständen zu behandeln ist.

Die öffentliche Infrastruktur ist fast vollständig zusammengebrochen, die Versorgung mit Trinkwasser ist kaum noch zu gewährleisten, Elektrizität und Müllentsorgung sind praktisch nicht mehr vorhanden. Zusätzlich befindet sich der Jemen inmitten einer Wirtschaftskrise. Neben den Folgen der Kampfhandlungen sowie der erschwerten Einfuhr von Gütern ist die Währung im freien Fall – die offizielle Wechselkursrate ist längst nicht mehr stimmig. Zahlungsfähig zu sein, ist eine riesige Herausforderung.

Dazu kommt, dass der Jemen bereits vor Beginn des Konflikts 2015 knapp 90 Prozent des täglichen Gebrauchs wie Nahrungsmittel, Medikamente und Treibstoff importiert hat – 70 Prozent davon über den Hafen in Hodeidah. Da sich die Vorräte vor Ort dem Ende zuneigen und der Import immer schwieriger wird, sind die Preise stark gestiegen.

Die enorme Not im Jemen ist nur mit Geduld zu lindern. Was sind die wichtigsten Herausforderungen vor Ort?

Geduld ist ein wichtiges Stichwort. Der Zugang für humanitäre Helfer und Hilfe ist stark erschwert. Wir haben immer wieder Probleme mit dem Import von Hilfsgütern und deren Verteilung. Das macht unsere Arbeit sehr schwierig und verlangt allen Beteiligten sehr viel Geduld ab.

Hinzu kommt, dass das humanitäre Völkerrecht immer wieder missachtet wird: Bereits 13 Freiwillige und Mitarbeiter vom Roten Kreuz bzw. Roten Halbmond sind im Jemen seit Ausbruch des Konflikts 2015 während ihres humanitären Einsatzes ums Leben gekommen. Weitere wurden verletzt und mehr als 160 Gesundheitseinrichtungen wurden beschädigt oder zerstört.

Ihre Spende hilft!

Mit 50 € kann ein Freiwilliger an einer Gesundheitsschulung teilnehmen.

Was motiviert Dich jeden Tag aufs Neue, Dich für den Jemen einzusetzen?

Ganz klar unsere Kollegen im Jemen – sie verdienen alle unsere Unterstützung. Es ist teilweise unvorstellbar, was die Freiwilligen und Mitarbeiter des Jemenitischen Roten Halbmondes leisten. Sie und ihre Familien sind selbst von dem jahrelangen Konflikt betroffen und setzen sich unermüdlich für ihre Mitmenschen ein. Es motiviert uns alle ungemein, dass unsere jemenitischen Kollegen und die Delegierten vor Ort, die ja viel stärker selbst betroffen sind und ihr Leben riskieren, immer wieder die Energie finden, weiterzumachen.

Zusätzlich steht die Situation im Jemen nur hin und wieder im Licht der Öffentlichkeit. Die Not jedoch besteht weiter und ist die schlimmste humanitäre Notlage der Welt – keine Frage, dass wir hier unterstützen müssen!

Gibt es Dinge oder Erlebnisse, die Dich bisher besonders bewegt oder beeindruckt haben?

Es gibt viele Dinge, die mich bewegt und beeindruckt haben. Es sind aber vor allem die Menschen, die mir in Erinnerung bleiben. Die Dankbarkeit und Freude, die uns entgegengebracht wurde, als wir 2017 selbst vor Ort waren, war überwältigend. Wir haben unglaublich offene und herzliche Menschen kennengelernt, die nur die Schönheit und Kultur ihres Landes zeigen wollen und hoffen, dass ihr Leben so bald wie möglich wieder normal wird.

Öffentliche Gehälter und auch Renten werden seit über einem Jahr nicht mehr bezahlt. Die Menschen machen trotzdem weiter und versuchen das Beste aus einer wirklich verzweifelten Lage zu machen. Wir haben beispielsweise einen ehemaligen Touristenführer kennengelernt, der mehrere Sprachen perfekt spricht und heute Benzin auf dem Schwarzmarkt verkaufen muss, um seine Familie durchbringen zu können. Das tut mir weh, wenn ich sehe, was der Krieg aus den Leben der Betroffenen macht – das Leiden, das dahinter steckt.

Auf welche Errungenschaften bist Du besonders stolz?

Seit 10 Jahren arbeiten das DRK und der JRH eng zusammen. Dadurch konnten wir viel erreichen – alle Kolleginnen und Kollegen, die daran beteiligt waren, können darauf stolz sein. Durch die gemeinsame Arbeit konnten viele tausende Menschen Gesundheitsversorgung erhalten, viele Familien haben dringend benötigte Nahrungsmittel oder Hygieneartikel bekommen, Schulen wurden wiederaufgebaut und die Schüler und Lehrer darüber aufgeklärt, wie sie sich im Katastrophenfall am besten verhalten. Geschulte Helfer haben Kinder und Frauen psychosozial unterstützt und Gemeinden werden beraten, wie sie sich selbst besser auf Katastrophen vorbereiten können – ob Naturkatastrophen oder menschenverursachte Krisen. Das hätten wir ohne unsere Spenderinnen und Spender sowie ein starkes Team in Deutschland und im Jemen nicht bewältigen können.

Welchen Unterschied macht die Rotkreuzhilfe? Was hat sie bisher bewegt?

Wir haben mithilfe des Jemenitischen Roten Halbmonds Hygienepakete, Choleratests und dringend benötigte medizinische Verbrauchsgüter verteilt. Fünf Gesundheitseinrichtungen können ihren Betrieb kontinuierlich aufrechterhalten. 2017 konnten 5.000 Hygienepakete, 10.000 Nahrungsmittelpakete und 12.000 Cholera-Tests beschafft und in den betroffenen Gebieten verteilt werden. Zudem führt das DRK Aufklärungskampagnen zur Bekämpfung von Cholera durch und stellt Chlor zur Wasserbehandlung bereit. Die langfristige Partnerschaft mit dem Jemenitischen Roten Halbmond ist auch sehr wichtig für den Erfolg unserer Projekte. Selbst wenn der Zugang aufgrund der Sicherheitssituation für JRH-Mitarbeiter der Zentrale zu bestimmten Gebieten oftmals schwer oder zeitweise gar nicht möglich ist, können wir uns auf die Mitarbeiter und Freiwilligen des JRH in den lokalen Verbänden und Zweigstellen stützen.

Gleichzeitig müssen wir realistisch bleiben und ehrlich sein: Der Hilfsbedarf und die Not im Jemen übersteigt bei weitem das, was die gesamte internationale humanitäre Gemeinschaft leisten kann. Humanitäre Hilfe kann – und sollte auch – nie eine funktionierende Wirtschaft ersetzen.

Ihre Spende hilft!

Mit rund 90 € kann ein Erste-Hilfe-Rucksack für einen Ersthelfer gekauft werden.

Wie nimmst Du die Menschen wahr?

Sind sind unglaublich herzlich und gastfreundlich, verständlicherweise aber auch müde vom Konflikt, aber auf keinen Fall abgestumpft. Sie sind sehr mit ihrem Land verbunden, man sieht das daran, dass nach wie vor keine wirklichen Abwanderungstendenzen zu bemerken sind.

Was uns aber große Sorge bereitet, ist die allgemeine Situation der Betroffenen. Viele Kinder können nicht zur Schule gehen, Familien wissen nicht, wie sie sich am nächsten Tag ernähren können und dazu kommen die direkten Kampfhandlungen, die vielerorts deutlich sichtbar und spürbar sind. Das wirkt sich enorm auf die Widerstandkraft eines Menschen aus.

Was braucht die Bevölkerung jetzt noch am meisten?

Die Menschen im Jemen brauchen vor allem politische Bemühungen und Lösungen für ein Ende des Konflikts. Leider scheinen diese nicht in Sicht zu sein. Ganz im Gegenteil – mit der weiteren Eskalation in verschiedenen Landesteilen verschlechtert sich auch die humanitäre Situation weiter und führt zu weiteren Vertreibungen innerhalb des Landes, wie derzeit beispielsweise in Hodeidah. Deshalb sind zwei Punkte besonders wichtig:

  1. Die Einhaltung des humanitären Völkerrechts durch alle Konfliktparteien: der Schutz von Zivilisten und ziviler Infrastruktur, der Schutz von humanitären Helfern und medizinischen Einrichtungen, der Zugang von Helfern und Hilfslieferungen zu den Menschen, die Hilfe benötigen!
  2. Wir als DRK in Zusammenarbeit mit unseren Partnern der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung brauchen weiterhin finanzielle Unterstützung, um dringend benötigte Hilfe für die Menschen im Jemen auch künftig leisten zu können. Selbst wenn der Konflikt morgen vorbei wäre (was äußerst unwahrscheinlich ist), sind die Bedürfnisse immens und es bedarf eines intensiven und langfristigen Engagements der humanitären Organisationen und Helfer.

Humanitäre Lage

  • 17,8 Millionen Menschen im Jemen, 6 von 10 Personen, leiden an Hunger.
  • 15,7 Millionen Jemenitinnen und Jemeniten haben keinen Zugang zu Trinkwasser, Toiletten und anderer Sanitärversorgung.
  • 14,8 Millionen Menschen erhalten keine medizinische Grundversorgung.
  • 24,3 Millionen Menschen fehlt der Zugang zum staatlichen Stromnetz – auch Gesundheitseinrichtungen.
  • 2,9 Millionen Frauen und Kinder sind innerhalb des Landes vertrieben – sie stellen ganze 76 Prozent aller Binnenvertriebenen und Rückkehrenden im Jemen.
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