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Interview mit Dr. Erhard Bauer zur Flüchtlingskrise in Pakistan - Veröffentlicht auf  ZEIT ONLINE am 14.5.2009

Pakistans Armee bekämpft die Taliban im Swat-Tal. Dr. Erhard Bauer organisiert für das Deutsche Rote Kreuz die Hilfe für die Kriegsopfer. Er spricht über die Lage der Flüchtlinge.

Dr. Erhard Bauer leitet seit Jahren das Büro des Deutschen Roten Kreuzes in Pakistan.

ZEIT ONLINE: Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen beschreibt die Situation im Norden Pakistans als katastrophal. Was erleben Sie als Helfer vor Ort?

Dr. Erhard Bauer: Die Lage ist dramatisch. Seit August vergangenen Jahres gibt es im Norden Pakistans Flüchtlingslager, dort lebten bereits vor dem Beginn der Militäroffensive im April rund 500.000 Menschen. Nun kommen täglich Tausende dazu.

ZEIT ONLINE: Wie viele Bewohner des Swat-Tals sind vor den Kämpfen zwischen Taliban und Regierungstruppen geflohen?

Bauer: Mindesten 300.000 Menschen sind bereits in den Lagern angekommen und viele Tausende Flüchtlinge sitzen im Kampfgebiet fest. Die Armee hat eine Ausgangssperre verhängt, die Straßen dürfen von Zivilisten nicht benutzt werden. Prognosen gehen davon aus, dass die Flüchtlingszahl in den kommenden Tagen auf mehr als 1,5 Millionen steigen wird. Ich rechne damit, dass die Kämpfe weitergehen.

ZEIT ONLINE: Gibt es denn genügend Auffanglager für eine solch große Zahl?

Bauer: Die meisten Flüchtlinge ziehen zunächst bei Verwandten und Bekannten ein. Die Auffanglager werden dort errichtet, wo freie Flächen vorhanden sind. Die Menschen leben bei mehr als 30 Grad in Zelten, ohne fließendes Wasser und Strom. Die meisten versuchen deswegen, in den Häusern von Familienangehörigen unterzukommen. In manchen Dörfern leben in jedem Zimmer vier bis zehn Menschen. Noch haben wir Kapazitäten – die freien Plätze werden in den kommenden Tagen dringend gebraucht.

ZEIT ONLINE: Wie geht es den Zivilisten im Kampfgebiet?

Bauer: Wir bekommen wenige verlässliche Informationen, Journalisten dürfen nicht in die umkämpfte Region reisen und Ausländer nicht mal mehr die angrenzenden Distrikte besuchen. Wir wissen, dass die Armee vor allem Kampfflugzeuge und Artillerie einsetzt. Das Kampfgebiet ist gebirgig, es bietet viele Rückzugsmöglichkeiten für die Talibankämpfer. Die Offensive der Armee wird nicht in Tagen, eher in Monaten abgeschlossen sein. Es werden sicherlich mehr Menschen aus dem Gebiet fliehen.

ZEIT ONLINE: Wenn Ausländer nicht in das Gebiet reisen dürfen, was können sie für die Flüchtlinge tun?

Bauer: Die einheimischen Mitarbeiter vom Roten Halbmond, der Partnerorganisation des Roten Kreuzes, kommen nah an das Kampfgebiet heran. Sie bauen zum Beispiel südlich vom Swat-Tal Zeltlager auf.

ZEIT ONLINE: Die Taliban haben in Afghanistan immer wieder Hilfsorganisationen aus dem Westen angegriffen. Wie sicher sind die von den Fundamentalisten beherrschten Gebiete in Pakistan für das Rote Kreuz?

Bauer: Ich war von 1996 bis 2004 in Afghanistan tätig. Ich kenne die Region gut. Seit dem Einmarsch der Alliierten galten alle westlichen Helfer bei den Taliban zunächst als Gegner. Doch wir ergreifen nie Partei für eine Seite. Das Internationale Rote Kreuz bleibt stets neutral. Wir reden auch in Pakistan mit beiden Kriegsparteien und erreichen so, dass wir den Flüchtlingen helfen können.

ZEIT ONLINE: Pakistan gilt als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Immer wieder gibt es Anschläge auf westliche Ausländer. Wie groß ist das Risiko für Sie?

Bauer: Aufpassen müssen wir schon. Wir können uns nicht wie Touristen verhalten, nicht einfach in ein Taxi steigen und irgendwo hinfahren. Es gibt ein Sicherheitsnetz um uns herum, wir werden vor gefährlichen Routen und vor möglichen Anschlagsorten gewarnt und wissen immer, wo die Kollegen unterwegs sind. Zu unserer Arbeit gehört aber auch das gewisse Quäntchen Glück: Wir dürfen einfach nicht zur falschen Zeit am falschen Ort sein.

Dr. Erhard Bauer leitet seit Jahren das Büro des Deutschen Roten Kreuzes in Pakistan. Die Fragen stellte Hauke Friederichs, ZEIT ONLINE.

© Foto: DRK

 
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