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Laos: Blutspenden im Angesicht des Buddha

Unsere Zeitungen sind voller Artikel über Menschen, die Wirbelstürmen, Überschwemmungen, Vulkanausbrüchen oder Terroranschlägen zum Opfer fallen. Irgendwann glauben die Leser, dies sei das Schlimmste, was einem Menschen zustoßen kann. Würden sie an einem abgelegenen Ort leben, wo weder Fernsehen noch Zeitungen verfügbar sind, würden sie wahrscheinlich anders denken. Sie würden nur die Bedrohungen des täglichen Lebens kennen - oft wäre ihnen gar nicht bewusst, dass sie in Gefahr sind.

Ein Gedankenexperiment

Stellen Sie sich vor, Sie wären in einem kleinen Dorf an einem grünen Berghang im südlichen Laos auf die Welt gekommen. Die Arbeit auf den Reisfeldern ist hart, doch es ist gut, im Einklang mit der Natur und den Traditionen der Vorfahren zu leben. Jeden Abend gehen Sie schwimmen: im kühlen Fluss unterhalb eines wunderschönen Wasserfalls. Doch eines Tages ist es mit der Idylle vorbei. Sie treten neben der Strasse auf eine Landmine, die dort vor über 30 Jahren eingegraben wurde und jetzt Ihre Beine wegreißt.

Ihre Freunde bringen Sie auf einer selbst gemachten Trage zum nächsten Fluss und per Boot zur Straße, die nur mit Allradfahrzeugen befahrbar ist. Sie haben Glück und werden vom Fahrer eines weißen Toyota aufgelesen, der zu einer Hilfsorganisation gehört. Der Fahrer ist nervös und fährt so schnell er kann, denn Sie sind blass, Sie atmen kaum, und Ihre Wunden bluten immer noch.

Im Krankenhaus werden Sie schnellstens in eine leere Station mit alten Betten gebracht, wo die Farbe von den Wänden blättert. Ärzte kleben Ihnen einen Sauerstoffschlauch an die Nase. Ihr Blutdruck ist sehr niedrig, der Puls rast, Sie stehen unter Schock. Sie brauchen dringend starke Schmerzmittel, Infusionen und Blut, viel Blut. Aber das ist nicht aufzutreiben. Die Ärzte und ihre Freunde bemühen sich verzweifelt Blutspender zu finden, doch es ist zu spät, Sie sind sehr müde, Sie sehen eine dunkle Leere vor sich, alle Geräusche sind wie gedämpft und klingen weit entfernt, Sie liegen im Sterben.

Blutspenden retten Leben

Wir stehen vor einer leeren Intensivstation im Provinzkrankenhaus von Saravan, wo dieser Vorfall sich zugetragen haben könnte. Es ist ein einfacher Raum mit vier alten Betten, sonst nichts, kein weiteres Mobiliar, keine medizinische Ausstattung. Vor meinem geistigen Auge sehe ich ganz deutlich, wie dieser stille Ort sich in eine hektische Arena verwandeln kann, wo um das Leben verwundeter Patienten oder junger Mütter nach einer schweren Geburt mit starken Blutungen gekämpft wird.

Als Gesundheitsdelegierter des Deutschen Roten Kreuzes helfe ich meinen Kollegen vom Laotischen Roten Kreuz bei der Einrichtung eines Blutspendesystems zur landesweiten Sicherung der Blutversorgung in fünf Provinzen.

Auf Provinzebene wurde im 70-Betten-Krankenhaus von Saravan im Jahr 1997 eine Blutspendezentrale eingerichtet. Sie belegt zwei sehr kleine Räume im Krankenhauslabor. Es ist eng, aber sauber. Die Ausstattung wird sorgfältig gepflegt.

"Die Blutspendezentrale der Provinz hat im Jahr 2006 insgesamt 252 Blutspenden entnommen, und 75 Prozent davon wurden aus eigenem Antrieb gespendet", sagt Herr Chantho, der Leiter der Blutspendezentrale der Provinz. "Mit Hilfe der Nationalen Blutspendezentrale planen wir, diesen Anteil im Jahr 2007 auf 90 Prozent zu erhöhen." Wenn nicht genügend Spenderblut vorhanden ist, bittet man Familienangehörige der Patienten um Blutspenden.

Infrastruktur für Blutspenden schaffen

Mit Unterstützung des Deutschen Roten Kreuzes stellt die Nationale Blutspendezentrale in Vientiane der Provinz Saravan ein Fahrzeug mit der nötigen Ausrüstung für mobile Blutspendetermine sowie Mittel für die Errichtung eines Gebäudes für den Blutspendedienst der Provinz zur Verfügung. Das DRK fördert auch die Schulung von MitarbeiterInnen des Provinzverbandes und Sensibilisierungsaktionen in Saravan.

Nach dem Besuch im Provinzkrankenhaus begleiten wir das mobile Blutspendeteam. Die ganze Ausrüstung ist sorgfältig im Kleintransporter verstaut, und die ehrenamtlichen Helfer folgen uns auf Mopeds zum Blutspendetermin im Dorf Nongsaa. Die Fahrt ist holprig und staubig.

Spende im Tempel

Das Dorfoberhaupt von Nongsaa erwartet das Rotkreuzteam bereits im Tempel. Tatsächlich ist das der Ort, wo die Dorfbewohner regelmäßig Blut spenden. Ein vier Meter hoher goldener Buddha strahlt Frieden aus, während die nötigen Tische und tragbaren Liegen vor ihm aufgestellt werden. Nacheinander kommen die Dorfbewohner zum Tempel. Ohne Hast wird jeder Blutspender sorgfältig untersucht, befragt und zur Blutentnahme auf die Liege gebeten.

Ein junger Mann mit einem Rotkreuz T-Shirt fällt mir besonders auf. "Wer ist das?" frage ich Dr. Souli, den Leiter des Rotkreuz Provinzverbandes. "Das ist Herr Somchai", lautet die Antwort. "Er ist ein aktiver Rotkreuzhelfer, der bisher schon viermal Blut gespendet hat. Viele Dorfbewohner spenden regelmäßig Blut. Wenn das Krankenhaus dringend Blut braucht, können wir diese Menschen darum bitten, ohne jemals abgewiesen zu werden."

Zwei Stunden später sind genug Blutspenden zusammengekommen, und das mobile Rotkreuz-Team ist abfahrbereit. Heute kamen mehr Spender als erforderlich, aber es wurde nur die notwendige Zahl von Blutspenden entnommen. Während wir die gastfreundlichen Dorfbewohner von Nongsaa verlassen, denke ich an andere Provinzen, wo es keine Blutspendezentren gibt oder wo mobile Blutspendeteams schlecht ausgerüstet sind. Menschen in entlegenen ländlichen Gebieten haben aus traditionellen Gründen oder aus Furcht vor Krankheit und Schmerz häufig Angst, Blut zu spenden. Heute konnten wir jedoch sehen, dass Blutspenden an Orten, wo das Laotische Rote Kreuz aktiv ist und von Schwestergesellschaften gut unterstützt wird, ebenso natürlich ist wie der Gang zum Tempel.

(14.11.2007)

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