Helfen ist unsere Hauptaufgabe
Wer Menschen helfen will, muss ihre Bedürfnisse kennen, muss zuhören können und gleichzeitig mit starker Stimme für sie eintreten. Die beiden DRK-Vorstände Clemens Graf von Waldburg-Zeil und Bernd Schmitz geben einen Ausblick darauf, wie dies auch in Zukunft gelingen kann und welche strategische Ausrichtung hierfür notwendig ist.
Der Prozess zur Strategie 2010plus ist abgeschlossen, jetzt werden die Weichen für die kommenden zehn Jahre gestellt. Was muss passieren?
Clemens Graf von Waldburg-Zeil: Die Strategie 2010plus ist hauptsächlich auf uns selbst gerichtet gewesen und die Frage, wie wir flächendeckend Verbesserungsprozesse innerhalb des DRK erreichen können. Jetzt wollen wir uns auf die inhaltliche Profilbildung konzentrieren und sehen, welche Unterstützung und Impulse wir bei den gesellschaftlichen und sozialen Herausforderungen in Deutschland geben können.
Bernd Schmitz: Unser humanitärer Ansatz muss dabei klar ersichtlich und die Bevölkerung vom Nutzen und Mehrwert des Roten Kreuzes überzeugt sein. Dies ist der Schlüssel dafür, dass das DRK für seine ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiter, für seine fördernden Mitglieder und Spender attraktiv bleibt.
Wie wollen Sie das erreichen?
Bernd Schmitz: Wir müssen wieder stärker die Herzen der Menschen erreichen. Das Rote Kreuz hat eine beeindruckende Geschichte und überzeugende Grundsätze, nach denen wir handeln. Wenn wir dies zukünftig stärker kommunizieren und es schaffen, die Menschen davon zu begeistern, dann erhalten wir auch die notwendige Unterstützung.
Clemens Graf von Waldburg-Zeil: Helfen ist unsere Hauptaufgabe. Dabei spielt der emotionale Faktor eine wichtige Rolle. Wir sind keine Aktiengesellschaft, die Altenheime betreibt, sondern eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die entstanden ist, um notleidenden Menschen zu helfen.
Vor welchen gesellschaftlichen Herausforderungen steht Deutschland?
Clemens Graf von Waldburg-Zeil: Eine der größten Herausforderungen ist sicherlich der demografische Wandel. Wir haben auf der einen Seite eine starke Zunahme von älteren Menschen. Die Pflege und die Gesundheitsversorgung dieser Menschen muss sichergestellt und finanziert werden. Gleichzeitig verteilt sich die Last dieser Versorgung auf immer weniger Schultern. Den größten Anteil trägt die Mittelschicht. Doch die nachfolgenden Generationen, sprich die Jugendlichen, sind immer schlechter ausgebildet. Im Moment sind bis zu 40 Prozent eines Abschlussjahrgangs ohne zusätzliche Schulungen nicht in der Lage, die nächste berufliche Stufe zu erreichen. Bis zu 20 Prozent bedürfen von Beginn an der Unterstützung durch die Gesellschaft.
Welche Konsequenzen hat dies für die Arbeit des DRK?
Bernd Schmitz: Wir werden uns in Zukunft sicherlich noch stärker auf die Kinder-, Jugend- und Familienhilfe fokussieren. Durch unsere Einrichtungen sind wir in der Lage, Eltern zu unterstützen. Kinder und Jugendliche erhalten beim DRK Hilfen für einen erfolgreichen Start in ein selbstbestimmtes Leben.
Clemens Graf von Waldburg-Zeil: Dazu gehört beispielsweise auch, dass Frauen in der Kinderbetreuung entlastet werden, um Beruf und Familie besser zu vereinbaren. Als Rotes Kreuz haben wir mit unserem vielfältigen Angebot große Chancen, dass Kinder und Jugendliche zu mündigen Bürgern heranwachsen. Wir dürfen keinen einzigen jungen Menschen verloren geben.
In Zusammenhang mit dem demografischen Wandel wird auch das Thema Zuwanderung bedeutender. Wie sieht hier die Arbeit aus?
Bernd Schmitz: Zunächst gilt es, uns selbst integrationsfähig zu machen. Wir wollen stärker als bisher haupt- und ehrenamtliche Helfer mit Migrationshintergrund für das DRK gewinnen. Im Rahmen des Projektes ‚Interkulturelle Öffnung im DRK’ stellen wir uns derzeit die Frage, wie wir für diese Gruppe interessanter werden bzw. welche Angebote wir machen müssen.
Ein weiteres Problem in Deutschland ist die schlechte medizinische Versorgung auf dem Land. Welche Pläne hat das DRK, um da für eine Verbesserung zu sorgen?
Clemens Graf von Waldburg-Zeil: Zum Beispiel in Brandenburg pflegen wir täglich 4 000 Patienten ambulant und stationär. Wir prüfen, ob diese Versorgung doppelt genutzt werden kann, zum einen in Form der Pflege, zum anderen in Form einer medizinischen Grundversorgung. Um das umzusetzen, ist die Kassenärztliche Vereinigung, die Krankenkassen und möglicher Weise der Gesetzgeber gefragt. Aufgrund der vorhandenen Strukturen könnte das DRK hier zukünftig flächendeckend eine wichtige Rolle spielen.
Bernd Schmitz: Die Möglichkeiten der Telemedizin haben sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Es gibt im Gesundheitswesen bereits erfolgreiche Projekte für Diabetes- oder Herzinsuffizienz-Patienten. Diese müssen somit nicht mehr zwangsläufig in die Sprechstunde des Arztes. In diesem Zusammenhang sollten wir prüfen, wie wir die Pflegekräfte noch besser ausbilden können, sodass diese zukünftig in der Lage sind, eine zusätzliche allgemeinmedizinische Versorgung zu übernehmen.
Wie wirkt sich die strategische Weiterentwicklung auf die Internationale Zusammenarbeit aus?
Clemens Graf von Waldburg-Zeil: In vielen Ländern gibt es noch eine Lücke zwischen dem unmittelbaren Ereignis einer Katastrophe und dem Eintreffen ausländischer Hilfe. Diese drei bis vier Tage sind essentiell. Aus diesem Grund werden wir die Katastrophenvorsorge und Durchhaltefähigkeit der Bevölkerung als Entwicklungsziel weiter ausbauen. Außerdem unterstützen wir andere Rotkreuzgesellschaften in ihrer Rolle als zivilgesellschaftlicher Akteur. Damit das Rote Kreuz weltweit mit einer starken Stimme für Menschen in Not eintreten kann.






