Das DRK in der Prager Botschaft 1989: Deutsch-deutsche Menschlichkeit im Chaos
Sommer 1989: Die Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik protestieren gegen die Regierung und gefälschte Wahlergebnisse. Immer mehr DDR-Bürger fliehen aus ihrer Heimat und suchen Zuflucht in den Botschaften der Bundesrepublik Deutschland. Die Botschaftsgelände gehören zum Hoheitsgebiet der Bundesrepublik und deshalb ist das Deutsche Rote Kreuz vor Ort. Neben Budapest ist Prag Hauptanlaufpunkt der Flüchtlinge.
Mitte September warten 5.000 Menschen in der Prager Botschaft auf die Hilfe der Bundesrepublik. Das DRK stellt Unterkünfte, sanitäre Anlagen, sowie medizinische Versorgung zur Verfügung. Die zum Großteil ehrenamtlichen Helfer kümmern sich um die Flüchtlinge, die das Botschafts-Gelände in Prag ohne persönliche Dinge erreichen, und versorgen sie mit Essen. „Das Vertrauen der Flüchtlinge in das DRK hat mich am meisten beeindruckt“, sagt Waltraut Schröder. Sie war damals Einsatzleiterin des Deutschen Roten Kreuzes – der einzigen Hilfsorganisation vor Ort. „Die Menschen haben sich einfach in unsere Hände begeben, auch wenn die Zukunft für alle ungewiss war.“
Endlich Freiheit
Am 28. September verstärkt das DRK die Betreuung der Flüchtlinge mit weiteren Helfern. Zwei Tage später tritt Kanzleramtsminister und heutiger DRK-Präsident Dr. Rudolf Seiters mit Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon der Prager Botschaft: Sie verkünden die Ausreisegenehmigung.
Neue Flüchtlingswellen
Nachdem die Flüchtlinge der Prager Botschaft nach Hof in Bayern ausreisen durften, beschließen wieder Tausenden die DDR zu verlassen. Durch die Aufhebung der Visumspflicht für die Einreise in die damalige Tschechoslowakei Anfang November zieht es wieder mehrere tausend Menschen in die Prager Botschaft. Daraufhin bittet das Auswärtige Amt das Deutsche Rote Kreuz um Hilfe bei der Versorgung der Flüchtlinge. Die Hilfsorganisation reagiert mit der Entsendung von 40 Helfern, Gerätschaften und Verpflegung.
Botho Prinz zu Sayn-Wittgenstein, damaliger Präsident des DRK, erklärt am 3. November, dass das Deutsche Rote Kreuz eine „menschenwürdige Versorgung von mehr als 2.000 - 3.000 Menschen auf dem Gelände der Botschaft für nicht mehr möglich“ hält und forderte die Regierungen der beteiligten Staaten auf, eine sofortige Ausreise aus Prag zuzulassen und Ausweichquartiere zur Verfügung zu stellen. Noch am selben Tag können DDR-Bürger ausreisen und wenige Tage später fiel die Mauer.
Nicht nur in Prag war das Deutsche Rote Kreuz vor 20 Jahren im Einsatz. Die größte Hilfsorganisation Deutschlands betreute auch in Warschau tausende Flüchtlinge. Über 10.000 Helfer kümmerten sich bundesweit in mehr als 100 Aufnahmestationen um DDR-Umsiedler.
Zelte, Schlafsäcke und Windeln: Das wurde in der Prager Botschaft gebraucht
35 Großraumzelte des DRK á 25 bis 50 m² Fläche
10 Zelte der Bundeswehr
4 Feldküchen
3.000 Betten und Matratzen von der Bundeswehr
5.769 Schlafsäcke
3.000 Decken
2.000 Trainingsanzüge
1.200 Pullover
20.000 Babywindeln
50 Babyflaschen
2.500 m² Holzpaletten (aufgrund des aufgeweichten Bodens)
Verpflegung durch die Bundeswehr im Wert von 236.000 DM (ca. 120.665 €)
Film: DRK-Präsident Dr. Rudolf Seiters und DRK-Einsatzleiterin Waltraud Schröder im Interview zur Prager Botschaft
Fotos: DRK-Euskirchen, W. Schröder; Text: Marina Schröder-Heidtmann















