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Das DRK unter der NS-Diktatur

Am 24. Juni 2008 präsentierte das Deutsche Rote Kreuz gemeinsam mit dem Schöningh-Verlag das Buch „Das Deutsche Rote Kreuz unter der NS-Diktatur“. Damit ist die jahrelange, fundierte Aufarbeitung der Geschichte des Deutschen Roten Kreuzes in den Jahren 1933 bis 1945 in einer umfassenden Studie zum vorläufigen Abschluss gekommen.

Wie kam es zu der Studie?

Das DRK-Präsidium kam Ende der 1990er Jahre zu der Überzeugung, seine Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus von unabhängiger Seite erforschen zu lassen und wandte sich mit der Bitte um fachliche Unterstützung an Professor em. Dr. Hans Mommsen (Ruhr-Universität Bochum), der bereits im Auftrag der Volkswagen AG ein Forschungsprojekt zur VW-Geschichte in der NS-Zeit geleitet hatte. Unter seiner wissenschaftlichen Leitung haben die beiden unabhängigen Historikerinnen Dr. Birgitt Morgenbrod und Dr. Stephanie Merkenich die nun vorliegende Studie erarbeitet. Sie ist das Ergebnis von rund vierjähriger intensiver Forschung.

Buchcover: Das Deutsche Rote Kreuz unter der NS-Diktatur

Motive für die historische Aufarbeitung

Mit der Aufarbeitung und Veröffentlichung will sich das DRK seiner Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus stellen. Die Auseinandersetzung mit der Rolle des DRK in dieser Zeit wird als Teil gesellschaftlicher und sozialer Verantwortung verstanden.

Kritische Diskussionen

Im Zuge der in den 1990er Jahren öffentlich geführten Diskussion über die Rolle von Unternehmen in der Zeit des Nationalsozialismus („Zwangsarbeiter-Debatte“) waren auch Verbände und Forschungseinrichtungen in den Blickpunkt geraten. So hat es in der Öffentlichkeit immer wieder kritische Diskussionen über das DRK im nationalsozialistischen Herrschaftssystem gegeben:

  1. In Medienberichten wurde dem DRK vorgeworfen, die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nicht selbst zu suchen.
  2. Die humanitären Leistungen von Helferinnen und Helfern des DRK wurden im Wesentlichen unter dem Aspekt ihrer Einbindung in die Wehrmacht und des NS-Regimes betrachtet.

Der damalige DRK-Präsident, Professor em. Dr. Dr. h.c. mult. Knut Ipsen, wollte sich mit dieser Situation seriös auseinandersetzen. Das Ziel war, „ein korrekt aufgearbeitetes und differenziertes Geschichtsbild über das DRK im Dritten Reich zu erhalten“, um eine angemessene historische Bewertung vornehmen zu können.

Nach der Wende bessere Archivlage

Die Möglichkeiten dazu hatten sich zum Zeitpunkt der Entscheidung verbessert, da die Archivlage seit der Wende deutlich günstiger ist.  Das Archiv des DRK war für Forschungszwecke immer frei zugänglich. Die dort vorhandenen Archivalien wurden im Vorfeld der Studie wissenschaftlich erschlossen, so dass sie erstmals in vollem Umfang ausgewertet werden konnten. Diese Quellen standen den Verfasserinnen uneingeschränkt zur Verfügung.

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Ergebnisse der Studie: Nichts spektakulär Neues

Die Verfasserinnen kommen in ihrer Arbeit zu keinen spektakulär neuen Erkenntnissen. Dennoch: Bisher hat sich noch keine Studie zur Geschichte des DRK in dieser Zeit auf eine so breite Quellenbasis gestützt. Auf dieser Grundlage wird das Thema so umfassend, abgewogen und kritisch wie möglich behandelt. Es ist den Autorinnen gelungen, die schrittweise Gleichschaltung und Einbindung des DRK in das NS-Regime und die enge Verflechtung mit der SS sowie die Umwandlung des DRK vom vielschichtigen Wohlfahrtsverband der Weimarer Republik zu einer monofunktionalen Organisation des Wehrmachtssanitätsdienstes nachzuzeichnen.

Anpassung zu Lasten humanitärer Prinzipien

Die Studie macht erneut deutlich, dass sich die DRK-Führung unmittelbar nach der „Machtergreifung“ den neuen Verhältnissen bereitwillig anpasste und mit den neuen Machthabern eng zusammenarbeitete. Das Ziel war, die eigene Organisation zu erhalten, zum Preis einer Ideologisierung und zu Lasten seiner humanitären Prinzipien.

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Weiter offene Fragen

Was einige der in der bisherigen Forschung noch offenen Fragen betrifft, so kommen die beiden Autorinnen zu dem Ergebnis, dass sich einzelne Vorgänge aufgrund der unzureichenden Quellenlage nicht abschließend klären lassen.

Keine systematische Einbeziehung des DRK

Insbesondere die Frage nach der Verstrickung des DRK als Organisation in die Eroberungspolitik und rassistische Vernichtungspolitik des NS-Staates lässt sich anhand der Quellenlage nicht eindeutig  beantworten (vgl. S. 452). Die Autorinnen vermuten, dass es wohl keine systematische Einbeziehung des DRK in die Verbrechen des NS-Regimes gab. (vgl. S. 454). Einzelne Einsatzkräfte hatten aber zumindest Kenntnis von den Verbrechen bzw. es gab eine fallweise Beteiligung von DRK-Kräften und DRK-Einrichtungen.

Einblicke in menschenverachtende Praktiken des Regimes

Am Beispiel des DRK-Einsatzes im Sanitätsdienst des Rüstungsbetriebs REIMAHG können die Autorinnen auf der Grundlage neuer Quellenfunde umfassender als bisher belegen, dass auch untere DRK-Dienstellen und ihre Angehörigen Einblick in die menschenverachtenden Praktiken des NS-Regimes hatten. Bei der REIMAHG waren rund 13.000 ausländische Fremd- und Zwangsarbeiter tätig, die unter unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen litten. (vgl. S. 283ff.)

Willfähriger Partner des NS-Regimes

Wie die Studie zeigt, war das DRK unter seiner SS-Führung ein willfähriger Partner des NS-Regimes und hat sich bereitwillig für dessen Ziele einspannen lassen. Dies zeigt sich insbesondere in der so genannten Judenfrage. Hier verfolgte das DRK gegenüber den internationalen Rotkreuz-Organisationen eine Beschwichtigungsstrategie und half dabei, die Delegierten des IKRK über die wahren Zustände in den Konzentrationslagern zu täuschen. Gleichzeitig machte das DRK deutlich, dass sich das Deutsche Reich jede Einmischung in diese Frage verbat und dass eine solche das Rotkreuz-Gefüge insgesamt gefährden würde. (Vgl. S. 381, S. 384).

Die Postkarten aus der russischen Gefangenschaft

Ein weiteres, augenfälliges Beispiel ist das Verhalten des DRK im Zusammenhang mit den aus der Sowjetunion eintreffenden Nachrichten deutscher Kriegsgefangener. Obwohl diese vom Reichspropagandaministerium bewusst zurückgehalten wurden, kursierten dennoch ab Anfang 1943 immer mehr Nachrichten über die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion, so dass die deutsche Bevölkerung misstrauisch gegenüber Wehrmacht und DRK wurde. Als das DRK im Juli 1943 mit einem Schlag 333 Postkarten deutscher Kriegsgefangener erhielt, befand es sich in einem Dilemma, folgte aber letztlich der Anweisung des Reichssicherheitshauptamtes und leitete die Karten nicht an die Angehörigen weiter. (S. 368)

Abschließend kommen die beiden Verfasserinnen zu folgendem Urteil: „So aufopferungsvoll und segensreich der Dienst der DRK-Einsatzkräfte vor Ort für die deutschen Soldaten auch immer gewesen ist, so bleibt doch die Frage, ob die nationale Rotkreuz-Organisation in Deutschland in den Jahren 1933 – 1945 nicht allzu bereitwillig die auch auf fremdes Leid gerichteten humanitären Prinzipien des Roten Kreuzes preisgegeben und damit nicht nur seine personellen und materiellen, sondern auch seine ideellen Ressourcen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verfügbar gemacht hat.“ (vgl. S. 454). Tatsächlich wiegt die Tatsache, dass die Opfer der NS-Diktatur, die Unterdrückten und Verfolgten, vom DRK unter der SS-Führung fast keine Hilfe erhielten, besonders schwer.

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Schlussfolgerungen aus dem Ergebnis

Das DRK verfügt nun über eine unabhängige Studie zur Vergangenheit des Verbandes. Für das DRK ist es jetzt wichtig, sich die Ergebnisse zu vergegenwärtigen und zu einem gemeinsamen Bewusstsein über diesen Teil seiner Geschichte zu gelangen.

Das DRK hat die Studie der Öffentlichkeit und dem Verband zugänglich gemacht und ermutigt nun seine Verbandsgliederungen, die Ergebnisse zu erörtern. Es ist bedauerlich, dass sich viele der problematischen Aspekte aufgrund der unzureichenden Quellenlage nicht mehr eindeutig klären lassen. Daher wünscht sich das DRK, dass von dieser Studie neue Anregungen ausgehen, sich noch intensiver mit der Geschichte des DRK in der NS-Zeit zu beschäftigen. Das DRK begrüßt jeden Hinweis auf bisher nicht bekannte Archivbestände, die möglicherweise zur Klärung der Vorgänge beitragen können.

Cover der Broschüre Recht gegen Rechts

Ethisch-moralische Verpflichtung des Roten Kreuzes

Für das heutige DRK ist uneingeschränkt zu betonen, dass wir eine ethisch-moralische Verpflichtung haben, dass eine Zeit wie der Nationalsozialismus nicht wiederkehrt, dass sich antisemitisches und ausländerfeindliches Gedankengut in Deutschland nicht erneut verbreitet.

Die Grundsätze des Roten Kreuzes richten sich gegen jede Form von Rassismus, Ausgrenzung und Verletzung der Menschenwürde. So wird die Zusammenarbeit mit ausländischen Mitbürgern zu wichtigen Zielen des DRK, die Integrationsaufgabe ist im vergangenen Jahr zum Schwerpunktthema des Roten Kreuzes erklärt worden und die vielfachen Aktivitäten des Jugendrotkreuzes werben bei jungen Menschen für bewusstes und aktives Handeln gegenüber Rechtsradikalen und dafür, dass es unmenschlich ist, jemanden wegen seiner Herkunft oder seines Geschlechts zu diskriminieren und herabzuwürdigen.

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