Melitta Gräfin Schenk
von Stauffenberg, geb. Schiller

1903-1945
 

  * 3. Januar 1903 in Krotoschin (heute: Krotoszyn, Polen)

+ 8. April 1945
 


Melitta Stauffenberg überprüft die elektrischen Leitungen, Gatow (Berlin) Juni 1943

 


Melitta Gräfin Stauffenberg wirft einen Blick zur Maschine, Gatow (Berlin) Juni 1943

 




 

Herkunft

Melitta Gräfin Schenk von Stauffenberg, geb. Schiller, wurde am 3. Januar 1903 in Krotoschin (Westpreußen) geboren. Ihr Vater Michael Schiller war Baurat und stammte aus einer jüdischen Pelzgroßhandelsfamilie. Ihre Mutter war Margarete Eberstein. Melitta hatte vier Geschwister: Marie-Luise, Otto, Jutta und Klara.


Ausbildung

Melitta Gräfin Stauffenberg besuchte bis 1918 die Städtische Höhere Mädchenschule in Krotoschin, anschließend für ein Jahr das Mädchengymnasium in Posen. Da das Gebiet nach dem Versailler Vertrag Polen zufiel und daraufhin keine deutsche Höhere Schulbildung mehr angeboten wurde, ging sie von 1919 bis zum Abitur 1922 auf das Gymnasium in Hirschberg (Schlesien).
Schon im Alter von 16 Jahren zeigte sie ein großes Interesse an Physik und Aerodynamik. Als 19jährige meldete sie sich als erste Frau für eine Segelflug-ausbildung an. In München studierte sie an der Technischen Hochschule Mathematik, Physik und Flugmechanik. 1927 erwarb sie einen Abschluß als Ingenieurin.

Ihre Begeisterung für die Fliegerei stieß jedoch auf gesellschaftliche Grenzen, so war sie gezwungen, ihr Ziel auf Umwegen zu erreichen. Die notwendigen Flugstunden absolvierte sie auf zweifelhaften Maschinen und bei unsicheren Wetterbedingungen. Für ihre leidenschaftlichen Ambitionen wurde sie immer wieder kritisiert, und für eine Weile wurde es ihr überhaupt verboten zu fliegen. Trotz dieser Widerstände gelang es ihr, alle bestehenden Flugscheine zu erwerben.


Wirken


Als Ingenieurflugzeugführerin arbeitete sie ab 1927 für die Deutsche Versuchs-anstalt für Luftfahrt (DVL) in Berlin-Adlershof.
Viel Beachtung fanden auch ihre Kunstflüge in einer Heinkel He-70, die sie bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 absolvierte.

Nach neunjähriger Tätigkeit in Berlin-Adlershof wurde Melitta Gräfin Stauffenberg 1936 gezwungen, ihre Anstellung bei der Luftwaffe aufzugeben. Seit der Machtübernahme durch Hitler war es Juden nicht erlaubt, Positionen im öffentlichen Dienst zu behalten. Ihr Großvater väterlicherseits war jüdisch gewesen, und obwohl ihr Vater bereits als 18jähriger zum protestantischen Glauben konvertiert war, galt sie unter den nationalsozialistischen Gesetzen als jüdisch. Sie stellte gemeinsam mit zwei Geschwistern einen Antrag auf "Gleichstellung mit arischen Personen".
Während sie auf die notwendigen Dokumente wartete, wurde sie zu den Askania Werken in Berlin-Friedenau versetzt, ein Unternehmen für die Entwicklung und Herstellung von Luftfahrtinstrumenten und -geräten. Dort befaßte sich Gräfin Stauffenberg vornehmlich mit der Verbesserung von Bombenzielgeräten und der Entwicklung eines Sturzflugvisiers für Sturzkampfbomber.

Im Jahre 1937 erhielt sie als zweite Frau in Deutschland den Rang einer Flugkapitänin (wohl ehrenhalber). Trotz ihrer herausragenden Fähigkeiten als Ingenieurin und Fliegerin beschrieben Freunde Melitta Gräfin Stauffenberg als bescheiden. So namhaften Fliegerinnen wie Hanna Reitsch stand sie an Können in nichts nach. Ihrer Rolle als Vorreiterin für die Emanzipation der deutschen Frauen war sie sich durchaus bewußt.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wollte die DRK-Helferin ihre Fähigkeiten in den Dienst des Roten Kreuzes stellen, doch das Luftfahrtsministerium bestand darauf, daß sie ihre Arbeit an der Entwicklung von Fluginstrumenten und ihre Testflüge auf Sturzkampflugzeugen fortsetzte.

So wurde sie am 24. Oktober 1939 zunächst zur Erprobungsstelle der Luftwaffe Rechlin dienstverpflichtet, um verschiedene Sturzflugvisiere für das bekannte Sturzkampfflugzeug (Stuka) Junker 87 und die ebenfalls sturzflugfähige zweimotorige Ju 88 zu erproben. Zum 1. Februar 1942 wurde sie schließlich zur Technischen Akademie der Luftwaffe (TAL) in Berlin-Gatow abkommandiert.

Seit 1939 absolvierte sie unter enormen physischen und psychischen Belastungen mehr als 15 Testflüge pro Tag, vor allem in der als schwierig geltenden Ju-88. Bis Ende 1943 konnte sie über 2000 Flüge mit der Stuka vorweisen, mehr als irgendein anderer deutscher Pilot. Aufgrund der Bedeutung ihrer Arbeit wurden sie und ihre Familie schließlich "arischen Personen" gleichgestellt, wodurch ihre Deportation ins Konzentrationslager verhindert wurde.

Gräfin Stauffenberg erhielt 1943 als vierte Frau das Eiserne Kreuz II. Klasse und das Goldene Pilotenabzeichen der Luftwaffe. Im Jahre 1943 und 1944 wurde sie für das Eiserne Kreuz I. Klasse nominiert.

Im Mai/Juni 1944 wurde sie von Oberst Claus Stauffenberg, mit dessen Bruder Alexander sie verheiratet war, gebeten, ihn zum "Hauptquartier des Führers" und wieder zurück nach Berlin zu fliegen. In seine Pläne weihte er sie ein. Ohne zu zögern, war sie bereit ihm zu helfen. Allerdings stand ihr nur eine langsame Maschine des Typs Fieseler "Storch" zur Verfügung, welche eine Landung während des Rückflugs zum Auftanken erfordert und ihre Verhaftung sehr wahrscheinlich gemacht hätte.
Das Attentat am 20. Juli 1944 erfolgte schließlich doch ohne ihre Mithilfe. Nachdem der Putschversuch fehl geschlagen war, wurden sie und ihr Mann in Sippenhaft genommen. Melitta Gräfin Stauffenberg wurde sechs Wochen später, am 2. September 1944, aufgrund kriegswichtiger Aufgaben aus der Haft entlassen. Schon bald nahm sie ihre Forschungstätigkeit wieder auf. Ihr Mann und ihre Schwägerinnen wurden dagegen bis Kriegsende in verschiedenen Konzentrationslagern und Gefängnissen festgehalten, so z.B. in Buchenwald. Gräfin Stauffenberg besuchte ihre Familienangehörigen so oft sie konnte; ihre Tätigkeit als Testpilotin diente mittlerweile nur noch als Vorwand, um ihnen zu helfen.
Als Melitta Schiller Stauffenberg am 8. April 1945 Richtung Bayerischer Wald flog, um ihren Mann aufzusuchen, der in das Konzentrationslager Schönberg verlegt worden war, wurde sie von einem amerikanischen Jagdflugzeug zwei km östlich von Strasskirchen in Niederbayern von hinten abgeschossen. Es gelang ihr noch, das Flugzeug zu landen. Zwei Stunden später erlag sie ihren Schußverletzungen. Sie wurde nur 42 Jahre alt.


Familie

Im Sommer 1937 heiratete sie den Althistoriker Prof. Dr. Alexander Schenk, Graf von Stauffenberg, den Bruder von Oberst Claus Stauffenberg. Die Ehe blieb kinderlos.


Quellen und Literatur

Peter Hoffmann: Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder, Stuttgart 1992 (2. Auflage).

Gerhard Bracke: Melitta Gräfin Stauffenberg. Das Leben einer Fliegerin, Frankfurt/M., Berlin München 1993.

Peter Hoffmann, Carol Anne Hale: Stauffenberg, Melitta Schiller in: Amazons to Fighter Pilots. A Biographical Dictionary of Military Women. Bd. 2: R-Z, hg. von Reina Pennington, Westport 2003, 416-418.


 Petra Liebner (2003)